Drogen und Deutschleistungskurs

sarjuAls junger Kerl hatte ich mal fünfzehn ecstasy auf einmal eingeworfen. Ich lebte damals noch mit meiner ersten Freundin in Neustadt an der Weinstraße und zum Feiern fuhren wir dann meistens nach Mannheim. Ich ging auch noch zur Schule, aber irgendwie hatte es sich in den letzten Monaten so eingebürgert, dass wir ständig diesen Rotz schluckten, meistens speed oder eben Pillen. Ich war gut in der Schule.
Es war Samstagabend und ich war allein zu einer Hausparty im Mannheimer Jungbusch gefahren. Langweilig war es da. Ich begann mich nach etwas zum Aufmöbeln umzusehen. Aber außer ein bisschen Schnellem hatten sie nichts da und nach meiner zweiten line wollten sie mir schon nichts mehr abgeben. Ich überlegte schon, wieder nach Hause zu fahren. Da war meine Frau und ficken auf speed war toll. Aber in dem Moment kam Lutz zur Tür herein und Lutz, der war in Ordnung.
„Hey Lutz, alles klar?“
„Ja klar, und bei dir?“
„Geht so. Hast du was dabei?“
„Zwei Pillen. Willste eine?“
„Gib her.“
Ich schluckte sie trocken und er die andere.
„Weiß aber nicht, ob die gut sind. Die hab ich von so’nem Idioten.“
„Schau’n wir mal.“
Und wir setzten uns auf die Couch und tranken ein paar Bier. Sahen den anderen bei den Dingen zu, die sie so machten. Nach einer halben Stunde stieß ich Lutz an.
„Merkst du schon was?“
„Null.“
„Ich glaub, die bringen’s nicht.“
„Ja, kann sein.“
„Und hast du sonst nichts mehr?“
„Nein.“
Dazu gab es nichts weiter zu sagen.
„Daheim liegt noch was rum, gehört aber nicht mir.“
„Wem dann?“
„Dem Pablo.“
„Wer is’n Pablo?“
„Mein Mitbewohner.“
„Und, was liegt da rum?“
„So’n paar Pillen in’nem Beutel. Ist irgendwer drauf gelatscht, sind ganz zerdrückt.“
E oder was?“
„Glaub schon.“
„Und, will Paulo die noch?“
„Pablo.“
„Ja, ich mein ja Pablo.“
„Keine Ahnung.“
„Sollen wir mal kucken?“
„Na los.“
Die anderen machten sich auch gerade auf den Weg, wollten auf irgendeine Zapplerparty in der Alten Feuerwache.
Lutz wohnte ein Stück. Wir hatten ein ziemliches Tempo drauf und quatschten auch wie die Bekloppten. Wirkten wohl doch, die Pillen, aber darauf kam es nicht an. Bei ihm in der Bude legten wir dann die Meteors auf und nahmen uns diese Tüte vor. Sah nicht nach besonders viel aus. Wäre jedenfalls für speed nicht viel gewesen. Eine kleine Handvoll halt. Wir teilten es durch zwei und spülten es mit Cuba Libre runter.
Wir saßen gerade noch eine Weile da rum, Lutz zeigte mir ein paar von den Bildern, die er gemalt hatte. Da kam der Pablo zur Tür herein.
„Na, wie läuft’s?“
„Gut“, sagte Lutz. „Wir haben die Pillen genommen.“
Pablo, der schon auf dem Weg in sein Zimmer war, stutzte und kam zurück.
„Welche Pillen?“
„Die in der Tüte.“
„Welche Tüte?“
„Die du gefunden hast.“
„Ja, und, wie viel habt ihr davon genommen?“
„Was, wie viel? Na alles, natürlich.“’
„Was?“
„Tschuldigung, ich besorg dir wieder welche.“
„Das ist doch egal. Aber ihr habt alles genommen? Das waren über zwanzig Stück. Ihr habt zu zweit zwanzig Pillen genommen?“
„So viel sah das gar nicht aus“, versuchte ich mich einzumischen, aber Pablo kuckte mich nur ungeduldig an. War ja auch zehn Jahre älter als ich.
„Mit dem hast du zwanzig Pillen plattgemacht?“
„Jetzt krieg dich mal wieder ein.“
So sah ich das auch. Lutz hatte den Durchblick. Pablo lag uns noch ein bisschen in den Ohren, von wegen er wüsste ja gar nicht, wo die Dinger herkamen. Und was da für ein Scheiß drin sein könnte. Ich fand, dass er sich ganz schön amateurhaft verhielt. Wusste doch jeder, dass man Leute im Rausch nicht nervös machen durfte. Psychosen bekam man nicht von einem Trip, sondern von der Angst vor dem Trip. Aber wir waren Profis, unmöglich uns zu beeindrucken.
Wir gingen in die Alte Feuerwache und trafen die anderen Partygäste wieder. Die hatten inzwischen auch Pillen aufgetrieben. Angeblich richtig gute. Und weil Lutz und ich noch nicht viel von der Tüte merkten, teilten wir uns auch davon noch eine. Dann zog ich allein los, trank Bier, jede Menge Bier. Und tanzte dazu.
Irgendwann später hetzte ich dann schon zum zehnten Mal ums Karée und wusste gar nicht warum. Immer wieder runter zum Neckar, an der Promenade entlang bis zur Ebert-Brücke und dann auf der Käfertaler Straße wieder zurück. Unterwegs laberte ich alle möglichen wildfremden Leute voll, Gott weiß, mit was für einem Unfug. Bis ich mal wieder an der Feuerwache vorbei kam und da standen sie, völlig aufgelöst, allen voran Lutz, der sich wohl ein bisschen für mich verantwortlich fühlte.
„Mann, du machst mich fertig. Wo warst du denn?“
„Wieso?“
„Na, wir suchen dich seit zwei Stunden.“
„Sorry, ich wollte nur’n bisschen an die Luft.“
Der arme Lutz, er war genau so drauf wie ich und dann sowas.
„Wir wollen weiter. Bei Kora steigt noch was.“
„Okay.“
Ich heftete mich an die Fersen der anderen. Die waren alle ein bisschen angepisst, aber wollten sich nichts anmerken lassen. Weil man ja zu Leuten auf E immer so nett sein soll. Mir war es recht. Bei Kora fand ich es dann langweilig. Lutz war längst mit einer Ische durchgebrannt und die andern waren schon am Runterkommen. Es wurde auch wieder hell.
Genau genommen war es voller Tag und überall waren Leute. Zum morgendlichen Spaziergang. Ich schlich gerade über den Paradeplatz, da passierte es. Das ganze Bier und der Schnaps, all der Fusel, den ich in mich hinein gekippt hatte, gewann die Oberhand über die Amphetamine. Von einer Sekunde auf die nächste war ich so besoffen, dass ich nicht mehr laufen konnte. Wie in einem Film. Alle paar Meter fiel ich auf den Arsch und kroch dann da am Boden herum und versuchte, meine Schlüssel und das Kleingeld wieder einzusammeln. Es wurde jedes Mal weniger. Und die Leute standen da und glotzten. Einfach lächerlich.
Wenn mich so die Bullen sehen, dachte ich. Und ich bin noch nicht volljährig. Was wird meine Mutter dazu sagen? Plötzlich saß ich inmitten einer Menschenmenge auf einem Stuhl. Eine Hochzeit im Park. Eine türkische Hochzeit. Ich wusste nicht, wie ich dort hingekommen war. Die offenbar auch nicht. Als ich anfing, herum zu krakeelen, brauchte es vier Männer, um mich wegzutragen. Schicke, junge, türkische Männer waren das und einem kotzte ich aufs Jackett.
So langsam begriff ich dann auch wieder, was hier los war. Die Welt hatte sich gar nicht in ein Irrenhaus verwandelt, ich war nur schlicht und ergreifend rotzevoll. Das hätte mir ja aber auch mal jemand sagen können.
Irgendwie schaffte ich es in den Zug und nach Hause. Und kaum zu glauben, ich lag da im Bett und merkte, wie der Schlaf sich langsam näherte. Gott schütze dich, Alkohol. Ich war gerade weggedämmert, da klingelte das Telefon.
„Was?“
„Hallo.“
„Ja?“
„Ich bin’s, mein Schatz. Was ist denn?“
Meine Mutter.
„Äh, nichts, wieso?“
„Du hörst dich so komisch an. Ist was?“
„Nein, ich hab noch geschlafen.“
„Wir essen gleich.“
Verdammt, ich hatte versprochen, zum Essen zu kommen. Da ließ sich nichts machen.
„Ja, ich komm gleich.“
Und das war es dann für lange Zeit gewesen mit dem Schlaf. Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen, in der nächsten nicht. Auch nicht in der darauf. Ich lag da und aus der Decke kamen Gesichter, die schauerlich aussahen. Und ich dachte dann bei mir, unheimlich, aber zum Glück sehen die nicht so aus. Und dann verformten sie sich zu genau dem, wovor ich solche Angst hatte. Wenn ich die Augen schloss, kamen sie aus meinen Lidern hervor und waren dadurch nur noch näher. Mein erster Horrortrip.
Tagsüber pennte ich in der Schule ein. Mein Deutschlehrer, der auch meine Jahresarbeit über Kafka betreute, fragte, was los sei. Ich sagte es ihm frei heraus, er war in Ordnung. Einmal hatte ich eine Klausur bei ihm verpasst und als Entschuldigungsgrund angegeben, dass ich über Nacht im Knast gewesen wäre. Festgenommen bei dem Versuch einen Naziaufmarsch aufzuhalten. Er grinste und ließ mich die Klausur wiederholen.
Jetzt grinste er nicht. Er machte sich Sorgen und schimpfte. Dann empfahl er mir, viel zu kiffen, zum Runterkommen. Also besorgte ich mir was zum Kiffen und saß gerade da rum, nachts um drei, da läutete es an der Tür. Es war Lutz, kreidebleich, seit vier Tagen nicht geschlafen.
„Hast du was zu rauchen?“
„Ja.“
„Super. Ich hab gerade ein paar Valium aufgetrieben.“
Und das nahmen wir dann alles. Wir hörten Pink Floyd und andere downer-Sachen, und am frühen Morgen schliefen wir dann endlich ein. Wir pennten zwei Tage lang und ich verpasste auch noch den Donnerstag und den Freitag. Als ich wieder aufwachte, saß ich kurz da. Dann weckte ich Lutz und wir fuhren nach Mannheim. War ja schließlich Wochenende.

Und der Wahnsinn errichtet einen Brückenkopf in meinem Hirn

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Silas hat einen Bart, der ihm weit übers Kinn reicht, einen babylonischen Brettbart. Er ist Maler, fünfzig, in mich verknallt, beziehungsweise nur an meinem Körper interessiert. Seit seiner Geburt lebt er in Wien und liebt die Stadt so sehr, wie ich sie hasse.
„Clint-Mausi“, sagt er im Gehen. „Warum bist du so traurig?“
„Weil alle Frauen der Welt mich so quälen.“
„Dieu. Hast du Kummer?“
„Warum kann ich nicht asexuell sein?“
„Was du brauchst, ist eine Affäre. Mit einem jungen bärtigen Ding.“
Er grinst und seine Zähne leuchten im dichten Gestrüpp. Eilig trinken wir unsere Büchsen aus und steigen die Treppen zum Kunsthistorischen hoch. Die Eröffnungsrede hat schon begonnen, man hört wie die blecherne Stimme der Direktorin durch die Kuppelhalle wabert. Schaulustige drängen sich an den Türen, doch die Lakaien des Museums kennen kein Mitleid. Nur für geladene Gäste.
„Aber ich möchte hinein!“, ruft eine alte Schachtel im Pelz. Davon gibt es viele in Wien. „Hearn`s bitte, machen’s doch eine Ausnahme!“
Der Lakai schüttelt gemessen den Kopf. Entfernt dann die Kordel, als er uns kommen sieht.
„Und warum dürfen die-…“, beginnt die Alte. Dann erkennt sie uns, senkt voller Ehrfurcht das Haupt und stolpert zwei Schritte rückwärts.
„Schrecklich, dieses Gelichter“, sagt Silas. Die Schachtel duckt sich unter den Worten.
Wir gehen hinein, man nimmt uns die Mäntel ab und ein Bursche versorgt uns mit Bier.
„Halt, nicht so schnell!“, sag ich, als er weitergehen will. Wir leeren ein Glas nach dem anderen, bis auf dem Tablett nur noch vier übrig sind. Diese nehmen wir an uns.
„Jetzt darfst du gehen.“ Er nickt, errötet und macht sich davon.
Wir schlendern durch die Menge, lassen uns hier und da zu einem Gruße herab. Es ist nur dem echten Adel und uns erlaubt, in der Gesellschaft zu trinken, weshalb ich die Mädchen bemerke, die träge am Tresen lehnen. Beide jung, märchenhaft schön, Augen, in denen die Jahrhunderte wohnen, mit genug Schmuck behängt, dass man die Schweiz davon kaufen könnte. „Wer seid ihr und was tut ihr?“
Sie drehen die Köpfe, eine synchrone Bewegung, der Augenaufschlag ist perfekt.
„Mein Name ist Fanny“, sagt dann die eine. „Das ist meine Schwester Sophie. Wir tun nichts. Warum sollten wir auch?“
„Du hast recht. Mir war die Frage nur wichtig.“
„Sie war auch sehr höflich und nett. Was tust du?“
„Ich studiere Zynismus im achten Semester. Mein Name ist Clint. Was trinkt ihr denn da?“
Fanny schaut in ihr Glas, runzelt ein wenig die Stirn.
„Vermutlich Singapore Slings.“ Auch Sophie scheint es nicht mehr zu wissen.
„Drei davon“, sag ich zum Barmann. Er hat nur darauf gewartet. Ich halte nach Silas Ausschau und kann ihn nirgends entdecken. Stattdessen stürzt ein übergewichtiger Mann auf uns zu. Er trägt Oberlippenbärtchen und Stock.
„Kinder“, ruft er mit samtiger Stimme. „Ob diese Ansprachen jemals ein Ende nehmen? Mir ist schon ganz blümerant zumute.“ Er zückt ein seidenes Taschentuch und tupft sich damit die Stirn, hält inne, als sein Blick dem meinen begegnet.
„Huch“, macht er. „Was ist denn das für ein Zuckerstück?“
„Er kommt aus Deutschland und glaubt an die Liebe, wie’s scheint.“
„Die Liebe! Davon hab ich auch schon gehört. Woher nehmen Sie die Kraft dazu?“
„Nirgendwo her. Und meine Reserven sind aufgebraucht. Ich werde bald sterben.“
„Das klingt reizvoll! Darauf Champagner!“
Wir nehmen die Drinks in Empfang und beginnen zu rauchen. Das ist nicht erlaubt, doch wäre es ein weit größeres Verbrechen, uns darauf hinzuweisen. Ich greife nach Fannys Hand. Sie lässt es geschehen und mustert mich, als sei ich das Nordlicht, unwirklich und doch existent.
„Und damit“, hören wir es schließlich aus den Lautsprechern tönen, „darf ich die Kunstkammer für eröffnet erklären!“
Es gibt Applaus und wir folgen der Menge. Fanny und Sophie haben sich links und rechts bei mir eingehängt, der Dicke folgt uns gemächlich. Wegen Lücken im Sicherheitsnetz war die Schatzkammer der Habsburger lange geschlossen, beherbergt sie doch unvorstellbaren Wert. Kopfgroße Vasen aus Bergkristall, Lapislazuli-Schalen. Statuetten aus Smaragden und Elfenbein, die Belagerung Wiens in eine Walnuss geschnitzt.
„Schrecklich, dieser Habsburger-Plunder“, sagt Sophie und sieht traurig aus. Sie scheint Schönheit erwartet zu haben. In diesem Moment sehe ich Silas, der vor der Salière steht, einem milliardenschweren Salztöpfchen aus Gold, Wachs und Holz. Er lächelt und erblickt dann den Dicken an meiner Seite.
„Milli!“, ruft er. „Du liederliche Hure! Ich verabscheue dich.“
Der Dicke lacht und geht ihm entgegen. Sie küssen sich auf den Mund.
„Was machst du mit meiner Clint-Maus?“, fragt Silas.
Ich überhaupt nichts. Hast du ihn hier angeschleppt?“
„Aber ja. Clint, dieser syphilitische Homo hier ist die Gräfin Beaufort. Seine Familie geht zurück auf die zweiten Kreuzzüge und findet nun ihr Ende wegen seiner sodomitischen Neigungen.“
„Es wird ja auch Zeit“, sagt der Dicke.
„Und das hier ist Clint. Ich liebe ihn, aber er liebt mich nicht.“
„Ich glaube, er lernt gerade die Trautmannsdorffischen kennen.“
„Hey Girls“, strahlt Silas und macht einen Knicks vor den Schwestern. „Verführt ihr den Clint?“
„Er hat es nicht anders gewollt.“
„Oje! Aber er ist doch so ein verletzliches Ding.“
„Wir müssen alle immerzu leiden“, sagt Sophie und umschlingt meinen Hals wie etwas, das ihr am Herzen liegt.
„Da hat sie recht“, sagt der Dicke zu Silas. „Warum nimmst du nicht mich?“
„Dich alte Vettel? Deine Haut wirft Falten und riecht nach Tod!“
„Aber ich hab Geld! Ich kann dir denn Himmel auf Erden bescheren.“
„Du willst doch nur Po-Liebe machen! Ekelhaft und schamlos bist du!“
Der Dicke klatscht in die Hände.
„Ich bin jetzt fabelhaft aufgelegt! Schmückt die Kuh, Kinder! Wir feiern ein Fest.“
Im Wagen sitze ich hinten zwischen den Schwestern. Silas ist mit Milli vorne beim Fahrer und ich höre sie zetern und lachen, während die Trautmannsdorffischen mich immer im Wechsel küssen. Sie tun es sehr konzentriert, erst Fanny, dann Sophie. Wenn ich mit der einen zugange bin, wartet die andere geduldig und stolz.
„Mit euch ist es schön“, sag ich.
„Ja, aber zerbrich dir deshalb nicht den Kopf. Etwas so reines wie einen Kuss sollst du nicht mit Gefühlen belasten.“
„Und was ist mit Sex?“
„Sex ist möglich. Doch alles zu seiner Zeit.“
„Wart ihr schon mal verliebt?“
„Sei jetzt still und mach weiter mit Küssen.“
Dieser Logik ist nichts zu entgegnen. Ich gebe mein Bestes und bemerke erst später, dass Wien hinter uns liegt. Wir halten im Grünen, vor einem großen Palais. Der Dicke hält uns den Schlag auf.
„Kommt Kinder. Vergewaltigt wird später.“
„Wir haben Durst“, sagt Sophie.
„Der Champagner ist kalt. Was wollt ihr dazu? Koks oder Pillchen?“
„Vielleicht lieber was Leichtes.“
„Wie wär`s mit Opium?“
„Ist recht.“
Wir flanieren durch einen riesigen Park. Flamingos stehen Spalier und die Sonne scheint nur für uns. Fanny küsst mich, schaut mir tief in die Augen.
„Wenn du brav bist und dich in keine von uns beiden verliebst, darfst du mit nach Marseille.“
„Was gibt es denn da?“
„Nichts weiter. Also? Was ist?“
„Ich glaub, ich hab’s schon verbockt.“
„Wer ist schuld?“
„Vorhin Sophie. Jetzt wieder du.“
„Das ist schade.“
„Ja. Find ich auch.“
Bedienstete bringen das Opium und wir essen es wie Bonbons. Der Graf seufzt leise. „Wenn doch nur mich jemand lieben würde.“
„Sei still, du verlottertes Flittchen“, sagt Silas. Sie gehen Arm in Arm weiter.
„Und wenn ich mich nun zusammen reiße?“, frag ich.
Fanny schaut mich merkwürdig an. „Meinst du, das schaffst du?“
„Ich geb mir Mühe.“
„Nein“, sagt Sophie. „Die Liebe tötet alles, was gut ist. Du bist zu gefährlich.“
„Da habt ihr wohl recht.“
Silas hat mitgehört und lächelt versonnen. Während die Drogen zu wirken beginnen, versuche ich Abschied zu nehmen von den Körpern der Schwestern. Das gelingt mir nicht gleich, aber es ist auch noch Zeit bis zum Ende des Rausches.

Liebe ist Krieg

„Es funktioniert nicht“, sagte Francois am Abend des Mittsommertages. sgh
Wir waren auf dem Weg zu der ein oder anderen Feierlichkeit. Anuschka, die direkt neben ihm ging, erwachte zuerst aus ihren Gedanken.
„Was funktioniert nicht, joli?“
„Unser Experiment.“
Bereits Tage zuvor hatte er durchscheinen lassen, dass seine Liebhaber vom anderen Ufer bei der Defloration seiner Hintertür zwar nicht lange gezögert hatten, dass die davon erhoffte Katharsis allerdings ausblieb.
„Und es gefällt mir nicht, wenn du mit diesen Mannfrauen ausgehst.“
Anuschka hob traurig die Schultern.
„Ich finde sie auch schrecklich verbissen. Sie reden über nichts anderes als euch Männer. Es war niemals möglich, einen Apfel zu kaufen, ohne im Anschluss einen Vortrag über Adams Sünde an Eva zu hören.“
Längst war uns allen bewusst, dass meine unkontrollierbare Eifersucht einen Schatten auf jegliche Kurzweil warf. Und Hermines Unterleib litt unter dem opulenten Geschlecht ihres Liebhabers…

Von diesen und anderen Problemen hört ihr heute Abend bei den Surfpoeten. Berlin, Mauersegler, 21.30 Uhr

Michelle

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„Du, sag mal.“ 
„Hm?“
„Woran hast du eigentlich dabei gedacht?“
„Wobei?“
„Als wir’s gemacht haben.“
„Du meinst, beim Ficken?“
„Ja.“
„Dann sag doch ficken.“
„Und? An was hast du gedacht?“
„Wieso? An was hast du denn gedacht?“
„Jetzt sag halt.“
„Ja, was weiß denn ich. An nichts hab ich gedacht.“
„An nichts?“
„Ja.“
„Wie?“
„Ich denk beim Ficken an nix.“
„Man denkt doch immer irgendwas.“
„Naja, dann hab ich halt gedacht, so jetzt mach ich mal das, und jetzt dreh ich sie auf die Seite, ja nicht schlecht, gar nicht schlecht, und jetzt kann sie aber auch mal was machen..
„Ach, so hab ich das doch nicht gemeint.“
„Wie hast du’s denn dann gemeint?“
„Du musst doch auch an irgendwas anderes gedacht haben.“
„Hab ich aber nicht.“
„Ach komm, wenn ich die Blumen gieße, denk ich doch auch nicht nur ans Blumengießen.“
„Das ist ja wohl auch ein bisschen was anderes, oder?“
„Ich glaub dir jedenfalls nicht, dass du an nichts gedacht hast.“
„Und warum, Liebste, glaubst du das nicht?“
„Weil du heute ganz anders warst.“
„Ach Gott, jetzt-…“
„Doch, du warst heute ganz anders.“
„Ja und, bist du vielleicht an jedem Tag dieselbe?“
„Ja.“
„Na, wenn du meinst.“
„Ja, tu ich. Sag mir jetzt, an wen du gedacht hast.“
„An wen?“
„Ja, an wen?“
„Na, an wen schon, an dich natürlich.“
„Ach! Grade eben hast du noch gesagt, du hast an gar nichts gedacht.“
„Ja, so hab ich das ja nicht gemeint. Natürlich hab ich an dich gedacht irgendwie.“
„Irgendwie?“
„Ja, Kruzifix noch mal, was willst’n du eigentlich?“
„Erst sagst du, du hast an nichts gedacht und dann hast du doch an was gedacht, also was denn nun?“
„Ich hab an dich gedacht.“
„So?“
„Ja.“
„Und warum hast du dann Michelle zu mir gesagt?“
„Oh…“
„Ja, oh. Häh! Mister-Ich-denk-an-nix, da bin ich jetzt aber gespannt.“
„Hat’s dir nicht gefallen?“
„Jetzt komm mir nicht so. Ich will eine Antwort.“
„Ja, Mensch, wird man jetzt sogar schon beim Ficken ausspioniert..“
„Wer ist Michelle?“
„Na, wer schon, Michelle Pfeiffer.“
„Michelle Pfeiffer?“
„Ja.“
„Du denkst an Michelle Pfeiffer, wenn du mit mir bumst?“
„Ja, keine Ahnung. Nicht so. Ich hab heute am Drehbuch geschrieben, und-…“
„Du hast heute am Drehbuch geschrieben? Was hat denn das-…“
„Ja, jetzt hör halt. Die eine Figur hat mich an die Pfeiffer erinnert und da hab ich wahrscheinlich-…“
„Was bist’n du für’n Arsch! Von wegen du denkst an nix! Jetzt denkst du dabei sogar ans Schreiben.“
„Ich hab nicht daran gedacht. Es ist mir bestimmt nur im Kopf rumgegeistert.“
„Soso, und Michelle Pfeiffer ist dir wohl auch im Kopf rumgegeistert, wie?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Leck mich, ich geh.“
„Hey, jetzt bleib doch mal da.“
„Nein.“
„Krieg dich wieder ein.“
„Ich krieg mich überhaupt nicht ein. Mein Ex nennt mich Scarlett, weil er an die Johansson denkt, bei dir bin ich Michelle Pfeiffer und was kommt als nächstes? Ursula?“
„Häh? Ursula von der Leyen?“
„Ursula Andress, du Arsch!“
„Jetzt komm mal wieder her.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein!“
„Mann, Michelle, jetzt sei nicht so-…“
„Was?“
„Scheiße.“
„Wie hast du mich genannt?“
„Ja, sorry, da muss man doch verrückt werden bei dem Theater.“
„So, jetzt reicht’s mir!“
„Aua!“
„Du Wichser!“
„Spinnst du?“
„Wer ist Michelle?“
„Es gibt keine fucking Michelle!“
„Warum nennst du mich dann Michelle?”
„Weil du so’ne Zicke bist!“
„Weil ich so’ne Zicke bin?“
„Ja, ich werd noch ganz kirre. Da arbeitet man den ganzen Tag und dann ruf ich dich noch an und leg extra ’ne Runde ein-…“
„Soll ich mich jetzt auch noch dafür bedanken?“
„Nein, aber ’ne Szene brauchst du mir nicht machen.“
„Ich mach dir gleich ’ne Szene!“
„Hör mal zu, Mi-… Ah, fuck.“
„Du Schwein, du Schwein! Du siehst mich nie mehr!“
„Jetzt übertreib doch nicht gleich.“
„Lass mich los!“
„Ich lass dich erst los, wenn du dich wieder eingekriegt hast.“
„Ich sag’s nicht noch mal.“
„Baby, du bist nur nervös. Wenn du erstmal-… Ahhhh!“
„Ich hab’s dir gesagt!“
„Was-…, scheiße, ist das Pfefferspray?“
„Ich hab’s dir gesagt.“
„Du hast sie doch nicht mehr alle! Scheiße!“
„Ich lass mich von dir nicht verarschen.“
„Oh Mann, ahh.. Hey, du brauchst doch jetzt nicht weinen.“
„Ja, du hast gut Reden, das brennt vielleicht. Mach mal’n Fenster auf.“
„So eine Bekloppte. Das ganze Zimmer ist voll.“
„Ächähh, ächähhh…“
„Ah, meine Augen..“
„Ich seh nix mehr.“
„So, jetzt wird’s gleich besser.“
„Dein Rücken ist total rot.“
„Ja, weil ich an das Kissen gekommen bin, wo du alles draufgesprüht hast. Mit dem kannst du heute Nacht schlafen.“
„Tut mir leid. Aber du bist schuld.“
„Jaja, ich bin schuld. Jetzt leg die Scheißdose weg, Weib.“
„Nenn mich nicht Weib.“
„Doch, ich nenn dich jetzt nur noch Weib. Dann bring ich auch die Namen nicht mehr durcheinander.“
„Blöder Chauvi.“
„Verrückte Kuh.“
„Küss mich.“
„Okay.“
„Au, das brennt.“
„Ja, ist dein Tränengas.“
„Lass uns lieber schlafen.“
„Na gut.“
„Gute Nacht, du Depp.“
„Nacht, Weib.“