Der Heizer

Ja, nein, es ist halt so, dass ich diese Ofenheizung hab. Aber nicht so’ne Kachelheizung, die dann ewig warm hält, sondern so’ne kleine, so’n Allesbrenner. Da muss ich dann richtig aasen, wenn ich die Wohnung warm kriegen will, und so drei, vier Eimer Kohlen am Tag durchjagen. Und überhaupt, morgens ist das Ding natürlich längst wieder aus und um das anzukriegen, brauch ich Unmengen von Papier jedes Mal. Am besten geht das mit’ner dicken Tageszeitung, nur sowas les ich ja nicht. Aber irgendeiner von meinen Nachbarn liest den Guardian und da find ich dann oft ein paar von im Müllcontainer.
Guardian ist super, wie gesagt, da reicht einer, oder auch ’ne Süddeutsche oder FAZ, geht alles. Berliner Woche brauch ich zum Beispiel zwei oder drei, um den Ofen anzukriegen, die klau ich dann immer bei den Nachbarn aus’n Briefkästen. Eigentlich find ich ja auch immer was im Müll, aber wenn ich manchmal morgens aufwache und noch besoffen bin oder verkatert oder schon wieder besoffen, dann hab ich wenig Lust, runter zu gehen, kotzt mich eh an, dass ich da so rumkrebsen muss mit dem Scheißofen. Jedenfalls verbrenn ich dann immer alle möglichen Unterlagen, so Kontoauszüge und Rechnungen und alte Manuskripte, oder Notenblätter, was halt so rumliegt. Und als das dann alles leer war, hab ich angefangen, an mein Bücherregal zu gehen. Also, mir war halt kalt und so.
Zuerst hab ich dann nur so doofe Sachen verbrannt, wie irgendwelche Kinderbücher, oder Günther Grass. Da hab ich dann gemerkt, dass die Bücher auch ’ne Weile brennen, also dass ich praktisch damit richtig heizen kann, nicht nur anmachen. Weil ich ja oft gar kein Geld hab, um mir Kohlen zu kaufen, oder keine Lust, Holz zu sammeln im Park. Da hab ich dann immer mehr verbrannt, vor allem die französischen Existentialisten, also so Sartre und de Beauvoir und André Gide und Camus, klar, nur den Fremden hab ich mir aufgehoben, den mag ich irgendwie.
Den Ofen hat’s mir natürlich total zugerußt durch das ganze Papier, aber da kam dann der Schornsteinfeger, der hat das wieder ordentlich durch geblasen. Hab dann die ganzen Regale leergemacht, Goethe und Flaubert und Nietzsche, alles weg und die Regale gleich mit verbrannt. Ich hab so’n kleines Beil, weiß nicht mehr woher, da hab ich die Regale klein gemacht und weg damit. Von den Büchern hab ich oft die Einbände nicht mit rein getan, weil sie beschichtet waren und dann so komisch schmelzen und mir alles verstopfen. Die lagen dann neben dem Ofen.
Jedenfalls, lange Rede, kurzer Sinn, nach’n paar Wochen hab ich außer Kafka und Chandler und Bukowski alles weggemacht, nur noch so’n Rest war da und da hab ich Besuch gekriegt von meinem Kumpel Yoav, der is Israeli und hatte’ne Freundin dabei, die er mir vorstellen wollte, so’ne hübsche, Ronny hieß die. Und die war halt auch Jüdin und ich wollte richtig warm machen und dann hab ich grade in dem Moment, als sie reinkamen, ein Buch von Ephraim Kishon in den Ofen geschmissen und neben dran lagen die angekohlten Einbände von Tucholsky und Ossietzky und Werfel, und das hat sie dann in den falschen Hals gekriegt irgendwie.
Und dann hat die rumgeschrien, zuerst mit mir und dann mit Yoav, was er für Nazi-Freunde hat und was ihm einfällt, sie da hinzubringen und naja, da hat sie das Bild von dir runtergeworfen, das Schöne, weißt du, das ist jetzt kaputt. Hallo, bist du eigentlich noch dran?
Ja, nein, das wollt ich dir halt nur erzählen, wie das passiert ist, schade, ja, ich weiß, und wenn du zufällig bei indymedia liest, dass es wieder rechte Strukturen im Brunnenviertel gibt, dann mach dir keine Sorgen, das bin dann ich.
Was suchst du, dein Arbeitsvisum? Ja, das lag hier bei mir rum irgendwo, das war doch in deinem Reisepass, oder? Nee, der kann nicht weg sein, den hab ich extra in dieses Buch hinten rein gemacht, damit wir ihn wieder finden, in die Gesammelten Stücke von Brecht, glaub ich, und-… Ach, du scheiße, ja, sorry, Mann, musst du mich halt nächstes Mal dran erinnern, dass ich die wichtigen Sachen in die guten Bücher lege, also in die Feuerfesten, was? Nein, Brecht ist nicht gut. Brennt nur gut. Ja, ich weiß, dass ich ein Idiot bin. Bringst du was zu trinken mit nachher? Und vielleicht den Guardian von deinem Mitbewohner.
Alles klar. Bis dann.

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