Alles oder nichts

Sergej Wassiljewitsch hatte Liebeskummer und ich hatte auch Liebeskummer, wir hatten beide Liebeskummer und also gingen wir uns auf einem Spreedampfer betrinken. Wir fuhren immer wieder von der Museumsinsel zum Hansaviertel und zurück. Dabei ließen wir uns erklären, was links und rechts an den Ufern zu sehen war und nahmen abwechselnd sparsame Schlucke aus der Flasche Finlandia, die Sergej Wassiljewitsch unter dem Tisch versteckt hielt.
Nach der vierten Runde schaffte es die Filmstudentin, an Bord zu klettern. Sie kam an unseren Tisch und setzte sich.
„Ich muss dir noch ein paar Fragen stellen“, sagte sie und dann an Sergej Wassiljewitsch gewandt: „Macht dir doch nichts aus, wenn ich ihm noch ein paar Fragen stelle?“
Der Russe schaute sie aus seinen rot unterlaufenen Augen an und nahm einen tiefen Schluck.
„Es geht auch ganz schnell. Ich brauch das nur noch für die letzte Szene.“
Ich ließ mir die Flasche geben, spürte wie der Wodka mir die Kehle verbrannte, dann lehnte ich mich zurück, tief ausatmend, und nickte der Filmstudentin zu. Sie richtete die Kamera auf mich.
„Okay“, sagte sie. „Wir haben über die Kunst gesprochen.“
Ich erinnerte mich.
„Du hast gesagt, dass es in deinem Leben nichts wichtigeres gibt.“
Ich wog bedächtig den Kopf und war mit meinen Gedanken bei ihr, sah, wie sie da vor dem Bett kniete und meditierte, leise tibetische Gesänge. Und ich lag da und auf meinem Bauch saßen die Katzen und putzten sich und die Sonne schien warm herein und dann drehte sie sich zu mir und sagte, dass wir uns besser eine Weile nicht sehen sollten.
Die Filmstudentin rutschte nervös auf ihrem Platz herum.
„Hallo, bist du noch da?“, fragte sie.
„Ja.“
„Man kann also sagen, du würdest für die Kunst alles tun?“
„Alles, ja.“
„Würdest du deine finanzielle Sicherheit riskieren?“
„Ich bin doch schon pleite.“
„Würdest du dich prostituieren?“
„Na klar. Hab ich auch schon.“
„Und würdest du auch jemanden umbringen?“
„Wenn’s hilft, würd ich auch jemanden umbringen.“
„Aber ist das nicht unmoralisch?“
„Kunst ist wichtiger als Moral.“
Sie machte die Kamera aus und nahm eine Zigarette hinter ihrem Ohr hervor. Sergej Wassiljewitsch schaute bedeutungsvoll und zeigte mir die leere Flasche, beziehungsweise hatte er noch einen Rest drin gelassen. Der Tag ging schon auf den Abend zu, die Sonne warf ihre müden Strahlen beinahe waagrecht durch die Häuserschluchten über unseren Köpfen und ich hätte mit Sicherheit schon schlafen können, aber stattdessen wollte ich lieber für immer weitertrinken. 
Sergej Wassiljewitsch blinzelte und ich wusste, dass er nun etwas sagen würde.
„Wir müssen dieses Schiff verlassen.“
Sprach’s und drehte sich wieder nach der Reling. Die Filmstudentin schaute mich fragend an.
„Was hat er gesagt?“
„Wir müssen dieses Schiff verlassen“, sagte ich.
„Aber es dauert noch, bis wir wieder anlegen.“
„Es dauert noch, bis wir wieder anlegen“, sagte ich zum Russen und er nickte, als hätte er das bereits geahnt.
„Eins will ich noch wissen“, sagte die Studentin und schaute mich wieder durch die Kamera an. „Würdest du, wenn es nicht anders ginge“, fragte sie, „Würdest du dann für deine große Liebe die Kunst aufgeben?“
„Die Kunst ist eifersüchtiger als jede Frau. Das würd ich nicht überleben.“ 
„Aber würdest du?“
„Ja, wahrscheinlich schon.“
„Aber widerspricht das nicht deiner anderen Aussage?“
„Welcher Aussage?“
„Dass du alles für die Kunst tun würdest.“
„Ja. Sieht so aus. Oder?“
„Also ist dir die Liebe wichtiger als die Kunst?“
„Nein.“
„Versteh ich nicht.“
„Ich auch nicht.“
Ich sah, wie sie ihren Zeigefinger zum Zoomknopf bewegte, spürte ihre Augen näher kommen, während der Bildausschnitt sich immer enger um mein Gesicht legte.
„Aber wie ist das, wenn du dich verliebst?“, fragte sie. „Dauert das oder geht es schnell? Verliebst du dich oft?“
„Ich verlieb mich andauernd. Jeden Tag. In jede schöne Frau.“
Sie zoomte immer näher und atmete dabei lautlos durch den Mund.
„Außer ich bin schon verliebt. Dann lieb ich nur die eine Frau. Aber mit allem, was ich habe und bis in alle Ewigkeit. Auch wenn es nur ein paar Tage dauert.“
„Wieso dauert es nur ein paar Tage?“
„Weiß nicht. Irgendwie ist die Ewigkeit nie so lang, wie ich dachte.“
„Bist du daran schuld?“
„Nein, ich nicht. Die Frauen. Immer die Frauen.“
In dem Moment drehte sich Sergej Wassiljewitsch zu mir.
„Liebe ist ein Mythos“, sagte er.
Die Filmstudentin hörte es und schien sich zu fragen, wo das alles hinführen sollte. Wir gingen dann zu Fuß über den Hackeschen Markt und die Alte Schönhauser hoch und keiner sprach ein Wort. Ich verwendete all meine Konzentration darauf, nicht an die Frau zu denken, nicht an ihren Geruch und die Katzen und die Sonne und wie es gewesen war, den ganzen Tag mit ihr im Bett zu liegen. 
„Liebe ist ein Mythos“, sagte Sergej irgendwann.
„Wieso sagst du das immer?“, fragte die Studentin.
„Aber er hat ja recht“, meinte ich. „Zumindest, dass alle Menschen lieben wollen, ich meine-…“
„Warte“, sagte sie und fing an, mich im Gehen von der Seite zu filmen.
„Ich meine, es heißt immer, dass alle Menschen lieben wollen. Aber die wollen nicht lieben. Die wollen lieber vorsichtig sein und abwarten und es nicht zu schnell angehen lassen.“
„Vielleicht haben sie Angst, verletzt zu werden.“
„Pah. Spießerkacke.“
„Wieso denn?“
„Alles oder nichts. Mit Rückzugsgefechten gewinnt man keinen Krieg.“
„Wieso sprichst du andauernd in Kriegsmetaphern?“
„…Find ich romantisch.“
Die Filmstudentin hatte ihre liebe Mühe, gleichzeitig auf den Bildausschnitt und den Weg vor sich zu achten. Jetzt ließ sie beides aus den Augen.
„Dann lass mich deine Thalestris sein!“, rief sie.
„Wie bitte?“ fragte ich und Sergej Wassiljewitsch starrte auf seine Füße.
„Ich lieb dich, aber das siehst du nicht. Du schwafelst nur die ganze Zeit und wie ich mich dabei verzehre, das siehst du nicht!“
Sie hatte ganz glasige Augen und hielt während ihres Ausbruchs gnadenlos mit der Kamera auf mich. Vielleicht würde es ein guter Film werden.
„Ich seh’s ja“, sagte ich.
„Warum ziehst du nicht mit mir in den Krieg?“
„Tut mir leid. Ich lieg schon an ’ner anderen Front.“
„Bis in alle Ewigkeit?“
„Sieht so aus. Frag mich in ein, zwei Wochen nochmal.“
„So schnell ändert sich das?“
„Alles ändert sich dauernd.“
Sie schaute kurz zu mir und dann wieder durchs Okular. Sergej Wassiljewitsch holte Luft, um etwas zu sagen und zuckte dann nur mit den Schultern.
„So läuft es also?“, fragte die Filmstudentin.
„Ja“, sagte ich und zündete mir was zum Rauchen an. „Ich schätze, so läuft es.“
Da knallte sie die Kamera auf den Boden und rannte davon. Ich überlegte kurz, wenigstens das Band an mich zu nehmen. Vielleicht wollte sie das irgendwann wieder haben? Aber stattdessen tat ich gar nichts und von außen konnte man nicht mal sehen, dass ich es erwägt hatte.
„Sergej?“, fragte ich, aber er war nicht mehr da.
Die Sonne stand ganz tief und würde in wenigen Minuten hinter den Häusern verschwunden sein. Nur ein einzelner Streifen ihres Lichts lag noch auf dem Asphalt und gerade als ich hinsah, kam eine Katze gelaufen und ließ sich darin nieder. Sie leckte sich die Vorderpfote ohne ihre Umgebung aus den Augen zu lassen. Dann stand sie wieder auf und machte einen Satz und verschwand in einem Gebüsch am Rand der Straße.

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