Tales from the darkroom

Wir stahlen uns in die Dampfsauna, wo eine einzelne schwache Funzel vergeblich gegen die Dunstschwaden ankämpfte, und suchten Deckung hinter einer Wand, die aufgrund einer sinnlos hohen Anzahl von glory holes ganz porös wirkte. Aus den Schatten um uns herum drangen saftige, zischelnde, wimmernde Laute.
„Warum hast du vorhin gesagt, ich sei kein Germane?“, flüsterte ich.
„Weil es Unsinn ist. Kleinbürgerliche Geschichtsauffassung ist das.“
„Wieso?“
„Früher wollten alle so sein wie die Römer. Und wenn nicht, dann wenigstens wie die Franzosen bei Hof. Erst als Napoleon euch kastriert hat, wolltet ihr eine eigene Identität.“
„Schatzi!“, hörten wir die Polnische rufen.
„Und kaum kommt der sauertöpfische Wagner daher und verhunzt das Nibelungenlied, glaubt ihr tatsächlich, ihr hättet etwas mit den Germanen zu tun.“
„Hierher, mein kleiner Siegfried!“
„Siehst du.“
Wir drangen tiefer in den Schatten vor. Das Schmatzen und Klatschen wurde lauter, das Atmen zunehmend mühevoll.
„Finden wir hier je wieder raus?“
„Geh weiter“, zischte Silas. Die Polnische war uns dicht auf den Fersen. „Nur weiter, bald kommt die Treppe.“
Ich ertastete schmierige Fliesen, haarige Haut, ein klebriges Nass, hinter mir die Rufe des Dämons: „Deutsch, deutsch, deutsch, ein deutsches Pralinchen, lass dich zähmen, du arische Frucht.“ Dann spürte ich einen Luftzug. Die Treppe. Doch die Stufen führten noch tiefer hinab…

Fortsetzung folgt am Mittwoch bei den Surfpoeten (Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr)

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