EPIC PERFORMANCE PARTY

Ich erweitere gern meinen Horizont. Manchmal sogar, wenn es um Kunst geht. Neulich abends steh ich deshalb vor einem Weddinger Hausprojekt. EPIC PERFORMANCE PARTY heißt das, was heute stattfinden soll. Für mich sind ja Theateraufführungen schon experimentell und verrückt. Was wohl Performance-Künstler so tun?
Das Ganze ist selbstverständlich ein Date: Luciana, ich hab sie bei einer Vernissage kennen gelernt, hat mich eingeladen. Sie wird heute zum ersten Mal auftreten.
„Hey, du bist gekommen!“, ruft sie, nachdem ich mich rein getraut habe. Sie fällt mir um den Hals. Ich grinse und blinzle verstört in die hysterischen Projektionen, die Wände und Böden bedecken. Zwei geschminkte Latinos auf Stelzen wanken bedrohlich vorüber.
„Weißt du schon, wann du dran bist?“, frag ich, um auch was zu sagen.
„Ja, gleich nach Kiki. Die steht da hinten. Jeff und Cohen sind noch bei ihrem ACT.“
Ich schaue zu Jeff und Cohen, die in der Mitte des Raumes sitzen und schläfrig zu Jungle-Musik onanieren. Luciana nimmt meine Hand und zieht mich hinter sich her.
„Wo gehen wir hin?“
„Du musst mir sagen, wie du mein Outfit findest.“
„Oh, äh… sehr schön.“
„Nein, nicht dieses. Das für die Performance!“
Ich fühle mich geschmeichelt, dass ihr mein Urteil so wichtig ist.
„Setz dich kurz hin“, sagt sie, als wir ein abgelegenes Zimmer erreichen. Sie entkleidet sich zum größten Teil, noch bevor sie hinter einer spanischen Wand verschwindet.
„Ähm, Luciana…” Ich lache nervös und versuche Smalltalk zu machen. „Warst du neulich noch lang in der Galerie?“
„Was für ’ne Galerie?“ Sie kommt nackt zum Vorschein. „Ach so, nein, wir sind noch ins Sisyphos.“ Dann bemerkt sie meinen erschrockenen Blick. „Hey Süßer, entspann dich. Das ist doch nix Sexuelles!“ Sie und ihre Brüste grinsen mich an. „Du bist mein Bruderherz. Deine Meinung ist mir echt wichtig. Jetzt warte mal kurz.“
Ich bin zu aufgeregt, um mich darüber zu freuen, was für eine einzigartige Rolle ich in ihrem Leben schon spiele.
„Bist du bereit?“
„Ja, gut.“
„Tataa!“ Sie ist immer noch nackt. Zwei schwarze Kreuze aus Isolierklebeband bedecken ihre Brustwarzen. Ein weiterer Streifen teilt ihr Schamdreieck. Dazu trägt sie Schuhe mit sehr hohen Absätzen.
„Nachher kleb ich mir natürlich die Augen noch zu. Um die Anonymität und Gesichtslosigkeit unserer sexualisierten Gesellschaft deutlich zu machen. Wie findest du’s?“
„Ja, also.. Schon ziemlich… krass.“
„Echt, es gefällt dir?“ Sie strahlt und rennt nackt auf mich zu, um mir einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Ich verfolge ihre Performance gebannt. Auch wenn ich nicht recht begreife, worum es da geht. Sie hat auf dem Boden einen Kreis aus Kreide um sich gezogen und vollführt darin seltsame Übungen. Das dauert seine Zeit. Als sie irgendwann plötzlich den Raum verlässt, klatschte ich als Erster. Im ausbrechenden Applaus ernte ich anerkennende Blicke. Man nimmt mich als Connaisseur wahr. Ich gehöre dazu.
Luciana verschwindet im Laufe des Abends mehrmals auf der Toilette. Immer mit anderen Männern. Natürlich nicht ohne mir vorher zu sagen, dass die Kontakte rein körperlich sind. Nicht so wie unsere Seelenverwandtschaft.
Ich bestelle mir dann immer ein Bier und schaue brav den ACTS zu. Es ist schön, eine Seelenverwandte zu haben.

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