Zu spleenig zum Leben

„Ich hasse Berlin“, sagt Lili und macht einen trunkenen Ausfallschritt, um nicht gegen das Straßenschild zu laufen.
„Ich hasse Mitte und Prenzlberg und die U-Bahn und die ganzen Scheißleute hier, ja, EUCH MEINE ICH, ihr seid doch scheiße..“ Ich nicke und ziehe sie beim Gehen ein bisschen zu mir. „Und dich-… Dich hasse ich ganz besonders.“
„Du kannst doch Berlin nicht hassen“, sag ich.
„Doch, kann ich. Berlin ist scheiße. Und du auch.“
„Ach, ich weiß nicht. Als ich neulich von der Ostsee zurück gekommen bin, da lief nur Mist im Radio. Egal, welchen Sender ich eingestellt hab. Und dann kamen wir in den Sendebereich von Radio Eins und sie haben Jefferson Airplanes White Rabbit gespielt. Da wusste ich, dass ich nach Hause komme.“
„Ach, leck mich!“ Lili bleibt stehen und fixiert mich mit trüben Augen. „Wieso bist du denn so scheiß-NÜCHTERN?“, schreit sie.
„Ich hab mehr getrunken als du.“
Ein Typ im Rollstuhl schiebt sich zwischen uns. Er hat verfilzte Haare und keine Beine und nur drei Finger an der linken Hand, mit denen er geschickt einige Münzen jongliert. Er kommt mit einem Reifen auf meinem Fuß zum Stehen.
„Habt ihr mal’n Euro?“
„Nein“, sag ich und zieh sein Gefährt da weg, das hab ich beim Zivi gelernt.
„Dann gib mir fünfzig Cent.“
„Ich hab nix. Sogar mein Koksgeld is für die Miete draufgegangen.“ Lili ist derweil schon einen Block weiter. „Hör mal, ich muss jetzt los. Bis dann.“
„Ja, geh nur! Lass mich hier verrecken, du beschissener Yuppie“, kreischt er. Ich schaue nicht zurück. „Du Künstlerwichser! SCHWABENSAU!“
Wir setzen uns vor ein Straßencafé. Es dauert keine drei Sekunden, dann steht ein Mensch neben uns, schmächtig, gepierct: „Schönen, guten Tag, entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin der Matze und verkaufe die MOTZ. Ich weiß, Sie sind heute wahrscheinlich schon mehrmals angeschnorrt worden, bestimmt haben Sie gerade Feierabend und wollten in Ruhe ein Bier trinken…“ Statt uns hart arbeitendem Volk dabei in die Augen zu schauen, fixiert er seinen Hund, der den Blick des Herrchens treu erwidert. „Eine kleine Spende, oder was zu Essen für mich und den Thälmann, gell Thälmann? Vielleicht ein Brot, oder einen Apfel oder eine Banane oder einen Pfirsich.“
Ich denke die ganze Zeit, dass ich mir keine Piercings leisten würde, wenn ich arm wäre. Und ich finde, dass das eine kluge Feststellung ist, wenn auch nicht sehr sympathisch. Ich lasse zwei Euro springen.
„Bist du bescheuert?“, fragt Lili zurecht. „Dafür hätten wir noch mehr Wein kaufen können.“
Mein Blick wandert zu einem Typen, der mitten auf der Eberswalder Kreuzung steht. Er balanciert eine Dose Bier auf dem Kopf und tut so, als würde er den Verkehr regeln.
„Was macht der denn da?“, fragt Lili.
„Er besitzt die Hellsicht der Heiligen der Antike.“
„Und warum liebst du mich nicht?“
„Wir brauchen noch mehr zu trinken.“
Wieder nähert sich jemand. Es ist nicht der Kellner.
„Sehr geehrte Damen und Herren“, beginnt er und Lili verdreht die Augen. „Ich möchte ein Gedicht vortragen und wenn es Ihnen gefällt, würde ich mich über eine Spende freuen. DIE EINTAGSFLIEGE: Die Eintagsfliege, lieber Freund…-“ Und Lili sagt: „Halt doch die Schnauze.“
„Sei nicht so hart.“
„Ich kann den Dreck nicht mehr hören.“
„Ja, hast ja recht.“
Trotzdem gibt sie ihm ihre Münzen, als er an uns vorbei schleicht.
Und ich denk mir, Lili ist schon in Ordnung, auch wenn sie einen Hau hat. Aber den haben ja alle. Der rachsüchtige Rollstuhlfahrer und die Drücker von MOTZ und Straßenfeger, die Eintagsfliege, der Typ mit der Dose am Kopf. Und die vielleicht noch am wenigsten. So sind wir eben, in Berlin und überall, Gott sei dank, oder auch nicht: Zu spleenig zum Leben. Zu schade zum Sterben.

Ein Kommentar zu “Zu spleenig zum Leben

  1. anton sagt:

    Wenn man mitten in der Nacht an der Schönleinstraße sitzt und diesen Text liest! Da denkt man doch wo man eigentlich steckt. Genau diese Leute die sich über Leute beschweren die versuchen durch den Tag zu kommen, kaufen locker easy leicht ihr weißes Pulver an der warschauerstraße. Dass dort jeder angesprochen wird, stört keinen. Weil es ist ja das, was die Masse beruhigt. Der Stoff für das berghain! Wer in der Hauptstadt mittlerweile aus dem Muster fällt passt nicht mehr ins Bild! Willkommen in der Stadt, in der trabis noch total in sind! Wenn man ihn in der Gruppe bewegt

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