Karlštejn

Unter dem Neuen Königlichen Palast zu Prag, tief im Herzen des Burgbergs, befindet sich eine Großküche. Mehr als sechzig Männer und Frauen bereiten hier die Festmahle für Staatsempfänge und andere Anlässe zu. Sie wird gut entlüftet und ist über breite Treppen leicht zu erreichen. Und doch fühlt man sich seltsam bedrückt, spürt den Käfig aus Fels, der einen umgibt.
Noch tiefer hinab führt nur ein enger Lift: In den Spülraum, der stets so von Dampf erfüllt ist, dass man kaum einen Meter weit sehen kann. Niemand fährt freiwillig dort hinunter. Das schmutzige Geschirr wird auf Wagen gestapelt, in den Aufzug geschoben – und irgendwann wieder sauber nach oben geschickt.
Ich brüste mich immer damit, nicht studiert und keinen Beruf gelernt zu haben. Doch seit ich hier unten stehe, sechs Tage die Woche, vom Nachmittag bis spät in die Nacht, frage ich mich, ob das ein guter Lebensentwurf war.
„Weißt du, warum keine Treppe hierher führt?“, fragt Michal auf Tschechisch. Seine Schicht ist in wenigen Minuten zu Ende und er entsprechend gut aufgelegt.
„Nein, sag es mir. Sag es mir schnell.“
„Weil das früher der Kerker war. Für die, die wirklich verschissen hatten.“
„Deshalb die gute Aura.“
„Wie lange musst du noch machen?“
„Sechs Stunden, sieben Minuten.“
„Ich bin echt froh, dass ich nicht du bin.“
„Danke, kolega. Du hast ein Herz aus Gold.“
Der Dampf ist allgegenwärtig, weicht Lunge und Haut auf. Obwohl meine Fingerkuppen so runzlig sind, als hätte ich seit Stunden geduscht, entgleitet mir hin und wieder eines der Gläser, Marke Riedel, Edition Sommeliers, gut tausend Kronen das Stück.
Michal ist gerade gegangen, da passiert es schon wieder. Ich versuche die Champagner-Flöte im Fallen zu fangen, erreiche damit jedoch nur, dass sie an einer Kante zerbricht und mir tief zwischen Mittel- und Ringfinger schneidet. Darum bemüht, kein Blut auf die anderen Gläser zu tropfen, greife ich nach dem internen Telefon.
„Kurva Piča!“, schimpft der Bereichsleiter am anderen Ende. „Das zieh ich dir vom Gehalt ab!“ – „Alles klar. Kann ich bitte trotzdem ein Pflaster kriegen?“
„Sei froh, wenn ich dich nicht sofort rausschmeiße!“
Der Aufzug spuckt den nächsten Wagen mit Schmutzgeschirr aus. Durch die Verzögerung ist der letzte nicht fertig beladen. Notdürftig verbinde ich meinen Finger mit einer soßengetränkten Serviette und versuche ohne Zuversicht aufzuholen. Schon nach wenigen Augenblicken quietscht die Lift-Tür erneut. Die Bastarde ziehen die Schlinge schneller zu als erwartet.
„Wo bist du?“, höre ich Lauras Stimme im Nebel. Sie sieht mich erst, als sie unmittelbar vor mir steht. Wortlos nimmt sie meinen völlig durchweichten Notverband ab und desinfiziert die Wunde.
„Wie ist es oben bei euch?“, frag ich.
Laura schüttelt den Kopf. Als Servicekraft hat sie es möglicherweise noch schlimmer getroffen als ich.
„War der Präsident schon da?“
„Weiß nicht. Die sehen alle gleich aus.“
Sie verklebt meine Wunde und wirft einen Blick auf die Scherben.
„Wieviel kostet so eins?“
„Etwas mehr als vier Stundenlöhne.“
„Oje. Und was machst du jetzt?“
Statt einer Antwort nehme ich noch ein Glas und lasse es fallen.
„Du bist ein Idiot.“
„Wann hast du mal wieder Ausgang?“
„Wir können nicht dauernd was unternehmen.“
Ich gebe ihr einen Kuss.
„Hör auf.“ Sie geht zum Fahrstuhl zurück. „Das geht einfach nicht.“
„Ich hab morgen frei. Dann drei Wochen nicht mehr.“
„Mein Freund kommt morgen Abend.“
„Wir treffen uns in der Frühe.“
„Es geht nicht.“
Ich bringe meine Schicht zu Ende ohne allzu viel nachzudenken. Als ich mit dem letzten Wagen nach oben fahre, treffe ich auf die Nachhut der Köche. Sie vermeiden es mich anzusehen. Keine Solidarität unter Sklaven.
In einer Seitenkammer des Wladislawsaals treffe ich auf Laura. Sie ist damit beschäftigt, ein paar Dutzend Stehtische aus ihren Hussen zu pellen.
„Soll ich dir helfen?“
„Wenn du dabei nicht redest.“
Ich fingere ratlos an einer Seidenschleife herum.
„Wie lange bleibt dein Freund?“, frag ich dann.
„Sei still.“
„Vielleicht können wir was zu dritt unternehmen. Immerhin ist er mein Milchbruder.“
„Du bist unmöglich.“ Sie muss gegen ihren Willen lachen.
In dem Moment betritt mein Bereichsleiter den Raum. „Laura?“, ruft er, dann sieht er mich.
„Wie oft soll ich’s dir noch sagen: Du hast hier oben nichts verloren!“
„Doch. Meine Würde.“
„Mach, dass du raus kommst.“
„Also wann sehen wir uns?“, frag ich Laura auf Deutsch. Der Bereichsleiter hasst das.
„Um neun. Westbahnhof. Arschloch.“
Mein Zimmer liegt auch unterirdisch, deshalb fühlt es sich am nächsten Tag merkwürdig an, ins Freie zu kommen. Laura steht schon auf dem Bahnsteig.
„Wo fahren wir hin?“, frage ich.
„Hauptsache, raus aus der Stadt.“
Wir warten, bis ein Zug kommt, in den sonst niemand einsteigt. Auf der Fahrt Richtung Süden knacke ich kleine Budweiser-Dosen. Laura trinkt Wodka pur.
„Hast du mal daran gedacht zu kündigen?“
„Jeden Tag“, sagt sie.
„Was haben wir aus unserem Leben gemacht?“
„Halt bitte den Mund.“
Ich halte den Mund. Nach einer Weile setzt Laura sich neben mich und legt ihren Kopf an meine Schulter. Der Augenblick ist perfekt. Deshalb stoppt der Zug auch in diesem Moment und ein buckliger Schaffner scheucht uns nach draußen. Wir befinden uns an einem winzigen Bahnhof mitten im Wald. Auf einer Felszunge, die zwischen uns und der Sonne steht, erhebt sich Burg Karlštejn.
Wir steigen schweigend hinauf und lassen uns vor dem Tor nieder um eine Zigarette zu rauchen. Prompt werden wir von zwei Tschechinnen angefaucht. Die Welt scheint sich an uns als Knechte gewöhnt zu haben.
„Im 14. Jahrhundert wurden hier die Reichskleinodien des Deutschen Kaisers aufbewahrt“, hören wir einen Touristenführer. „Heute können Sie natürlich nur noch die Nachbildungen bewundern.“
„Willst du sie dir anschauen?“, frag ich.
„Was soll das denn sein?“
„Na, Zepter, Reichsapfel und so. Und die Lanze, mit der sie Jesus gepiekt haben.“
„Ach, lass uns lieber hier sitzen und trinken.“
„Okay. Das kann ich am besten.“
„Deswegen mag ich dich auch.“
Sie leert den Wodka und holt eine neue Flasche hervor. Trinkt fast verzweifelt. Als sie aufsteht, um irgendwo pinkeln zu gehen, rastet sie mit der Stirn auf der Wiese ein und bleibt liegen.
„Taxi!“, rufe ich. Leider gibt es hier keine Straße. Also nehm ich sie auf die Arme und schließe mich einer der Touristengruppen an. Unter einem Volk von Säufern fällt man als Säufer nicht auf. Als wir uns den königlichen Wohnräumen nähern, seile ich mich wieder ab. Lege Laura ins Bett Karls IV.
Während sie leise zu schnarchen beginnt, trete ich ans Fenster und lasse meinen Blick über die böhmischen Wälder schweifen. Am Horizont lauert der Job, Lauras Freund, eine Armada von Fragen. Vielleicht hätte ich doch studieren sollen. Aber dann würde ich nun auf einem Campus rumhängen. In der Mensa sitzen mit einer geerdeten Freundin und Tiefkühl-Lasagne verdrücken und reden.
Dann doch lieber verzweifelt sein. Am Ende der Welt mit einer unerreichbaren Frau in den Gemächern eines Römischen Kaisers.

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