Unter kleinen Männern

Ich mag sie trotz allem noch immer.
Liebe ist es nie gewesen, zu kurz
die gemeinsame Zeit. Doch
wir sind noch ein Team,
auch wenn sie sich nicht berührten, unsere Leben in den vergangenen Tagen.
Sie interessiert sich nicht mehr für Buddhismus,
sondern für Tischtennis. Tischtennis ist
ihr neues Steckenpferd.
Mia mit dem Schlafzimmerblick. Die schöne, kleine Mia.

Schon damals ist sie mir seltsam erschienen, die Verehrung
dieses Fluchs aus dem Osten. Als Mia
beten ging für die tote Frau ihres Lama. Beten im Zentrum
mit den anderen Bekehrten, vierzig Euro pro Kopf. Der
selbsternannte Lama aus Dänemark, von dem sie mir
Fotos zeigte im Netz. Der Lama, der seine Frau verlor und
nichts weiter hat zum Trösten als seine Millionen und die Scharen
gläubiger Mädchen, zur Defloration bereit.
Ich mochte sein Grinsen nicht, wie ich den Papst nicht mag, oder
den lächelnden Heuchler aus Tibet. Zu heilig
seine Religion aus Diamant, die doch auch nur ihre Kinder
unter der Knute hält in Indien und
Nepal und überall, seit Jahrtausenden schon.

Doch Mia spielt nun Tischtennis. „Ich
hab seit Wochen nicht meditiert.“ Und im Zentrum
vermissen sie ihr Gesicht.

Ich spiele kein Tischtennis, so wie ich kein Buddhist bin oder Christ oder Juso,
aber wir sind in diese Bar gegangen, eine Tischtennis-Bar und
ich mag Mia trotz allem noch immer.
Nur Kerle im Raum, Miniaturen von Kerlen, so klein wie
ihre rot-schwarzen Schläger. Sie springen
im Kreis um die Platte, mit
ihren Sportjacken und Hornbrillen.
„Was, wenn ich nicht kann?“, frag ich und Mia sagt: „Wir machen
das schon. Ein Team wie früher, nur du und ich.“

Doch wir verlieren 21:2. Mia ist Anfängerin und ich nicht mal
das, die andern dagegen Ligisten. „Da muss aber noch jemand üben“, sagt
eins der Männlein zu mir und ich würde ihm gern eine geben,
dass sich das Glas seiner Brille
mit den Augen mischt.
Ich hab gegen Engel und
Teufel im Hades gekämpft. Mein Herz ist
ein Schauplatz von Kriegen.
Doch was ist es wert in einer Welt, die von kleinen Männern regiert wird,
einer Tischtenniswelt voller Hornbrillen?

„Mach mal allein“, sag ich und Mia ist froh. Sie ist gekommen
zu üben. Und ich sitz an der Bar und warte
eine Stunde und noch eine Stunde und das Bier ist warm
und schmeckt nach Staubsaugerluft. Und
Mia spielt und wird nicht besser, aber sie muss
üben und üben für die Selbstverwirklichung. Der Buddhismus
hat nicht gereicht.
Und sie macht einen Punkt und fällt dem Männlein
um den Hals. Ich bin nicht mehr da in ihrem Kopf, noch
in sonst einem Teil ihres Körpers.
Und ich stehe auf und gehe da weg und lasse
sie ziehen, die kleine Mia. Mia mit
dem Schlafzimmerblick. Ich mag sie jetzt
nicht mehr.

(Bildquelle: by_A.Dreher_pixelio.de)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s