Vielen Dank für einen Scheißdreck von Nichts

Mir ist da so eine Sache passiert. Ein Girl kam zu einer meiner Lesungen und wollte ein Interview. Naives Ding, das ich bin, hab ich natürlich gleich zugesagt. Mein neues Buch ist grade erst rausgekommen. NIE WIEDER FRIEDEN. Ein bisschen Presse kann da nicht schaden. Dachte ich zumindest.
Wir trafen uns in einem Café in Moabit. Das Interview verlief schleppend. Man hatte ihr offenbar an irgendeiner Universität eingetrichtert, dass man jeden Autor in eine Schule einordnen kann. Dass es in der Kunst Regeln gibt. Und dass die Literaturästhetik ein heiliger Schrein ist. Dieses Wissen versuchte sie auf mich anzuwenden.
Ich wurde bockig. Und bestand in der Folge darauf, dass mir das Interview vor der Veröffentlichung vorgelegt wird. Einen ganzen Abend lang machte ich mir die Mühe, ein bisschen Leben in diese öde Sache zu hauchen. Dann hörte ich erstmal nichts mehr von meiner Interview-Partnerin.
„Was ist los?“, wollte ich ein paar Wochen später wissen. „Hab ich dir zu sehr in den Kram gepfuscht?“
Wieder dauerte es ein paar Tage, bis sie antwortete:
„Ich habe das von Dir abgeänderte Interview von zwei Freunden lesen lassen und beide Freunde waren über die Antworten etwas irritiert. Einige Fragen erschienen ihnen aus dem Zusammenhang gerissen, einige Antworten wären zu vage, kämen arrogant daher, so meinten sie. Und ein Text über Literaturästhetik ist es nun auch nicht mehr, leider.“
Ich saß bei meinem Wein und fragte mich: Arrogant? Meine Antworten kommen arrogant daher? Wer hat denn festgelegt, dass ein Künstler gefällig sein muss? Was würden Kinski, Bukowski, Nabokov dazu sagen? Und vor allem: Wer zum Teufel sind diese zwei Freunde? Und warum sollte ihre Meinung irgendwie relevant sein? Das ist doch Sklavenmoral.
Da hab ich den Laden natürlich hingeschmissen. Merke nun aber, dass meine Antworten zu schade sind, um einfach so im Äther zu verschwinden. Deshalb, hier bitte, unplugged, meine Ergüsse, ein Scheißdreck von Nichts:

Hallo Clint, Du bist eigentlich Lesebühnenautor. Sind Deine Texte nicht eigentlich für die Bühne gemacht?
Ich habe das Phänomen „Lesebühne“ zum ersten Mal 2009 wahrgenommen. Da hatte ich bereits mehr als zehn Jahre Schreiben, Scheitern, Weiterschreiben hinter mir. Die Bühne ist praktisch, weil ich ein bisschen Geld verdiene und meine neuen Sachen an einem unvoreingenommenen Publikum ausprobieren darf. Das kann ein guter Kompass sein. Der zuverlässigste Kompass ist aber selbstverständlich bei mir selbst eingebaut.

Du siehst Dich nicht als Teil der Berliner Lesebühnentradition?
Ich gehöre überhaupt keiner Tradition an. Es gibt für mich nur das kreative Individuum. Gruppierungen sind immer schädlich. Es stimmt, dass ich mich in der Lesebühnen- und bisweilen auch der Slam-Szene bewege. Und möglicherweise habe ich mir auch das ein oder andere Instrument von dort ausgeliehen. Mehr aber nicht.

Was hast Du Dir ausgeliehen?
Die Verpflichtung, immer unterhaltsam zu sein. Nicht unbedingt lustig. Viele meiner Geschichten sind ziemlich düster. Manche auch traurig. Aber sie sind niemals langweilig. Außerdem halte ich mich an die gängige Textlänge, bzw. –kürze. Der klassische Lesebühnentext dauert vorgelesen 5-7 Minuten. Ich denke, dass ich inzwischen ganz gut darin bin, trotz dieses engen Rahmens Geschichten mit einigem Tiefgang zu erzählen. Als „echter Schriftsteller“ wird man freilich nur wahrgenommen, wenn man seine Ideen auf die zehnfache Länge aufpumpt. Da wären wir dann wieder beim Thema Langeweile.

Ist Clint identisch mit Dir als Person?
Clint ist eine Kunstfigur. Meine drei bisherigen Bücher haben den Anschein des Autobiographischen. Aber nur, weil ich das gern kolportiere. Ich würde mich als „method writer“ bezeichen, als Pendant zum „method acting“. So wie Marlon Brando, der sich Eiswürfel unter seine Bastmatte legt. Er stirbt dadurch nicht wirklich. Aber er verändert die Umstände so, dass er das Sterben wahrhaftiger verkörpern kann. Genauso erlebe ich gern bestimmte Situationen, bevor ich darüber schreibe. Was nicht heißen soll, dass ich nur deshalb Filme mache, Drogen nehme, arbeite, reise und ficke, weil ich darüber schreiben werde. Das mache ich, weil ich ein interessantes Leben führen will.

Deine Geschichten haben oft sehr bedeutungsschwangere Titel. Kannst du vielleicht den ein oder anderen erklären?
Das Buch enthält viele Chiffren. Wenn man Spaß an Rätseln hat, kann man sie alle mithilfe des Internets oder einer gewissen Belesenheit entschlüsseln. Muss man aber nicht. Das sind keine Informationen, die man zum Verständnis der Geschichten braucht. Ich heiße nicht Joyce.

Es gibt in Deinem Buch wiederkehrende Themen. Wie z.B. Liebe. Aber auch das Verhältnis von Clint zu alltäglich Pflichten, wie Steuerklärungen, Einkaufen, Rundfunkbeitrag wird mehrmals thematisiert. Dinge, die das Verhältnis zwischen Subjekt, Staat und Dienstleistung kennzeichnen. Ist das ein Thema, das Dich beschäftigt?
Natürlich. Wenn ich nicht zum Schreiben komme, weil ich einkaufen muss oder Ärger mit der Hausverwaltung habe, könnte ich regelmäßig zu Asche zerfallen. Man muss im Alltag wirklich kämpfen, um Zeit für die wichtigen Dinge zu haben. Die meisten schaffen das nicht und ertrinken in Banalität.

Ist das eine Frage von Organisation? Oder ist unsere Gesellschaft schuld, oder gar die Politik?
Ich möchte das nicht politisch formulieren. Dazu habe ich als Künstler keine Befugnis. Wenn ich aber höre, dass die Menschen sich jetzt wieder mühsam „Achtsamkeit“ in den Schädel hämmern, bin ich geneigt zu behaupten, dass sie selbst an ihrem Elend schuld sind. Mitmenschen sind nicht leicht zu ertragen. Da hilft mir das Schreiben auch.

In „Nie wieder Frieden“ behauptest Du, Du würdest eher sterben wollen, als einem regulären Beruf nachzugehen.
Einem regulären Beruf nachzugehen heißt doch im Grunde nichts anderes, als für eine sehr lange Zeit ein und dieselbe Sache zu machen. Da muss sich ein Gehirn ja verflüssigen. In meiner Zeit als Hospizpfleger habe ich das von Menschen aus allen Schichten gehört: „Hätte ich bloß nicht mein ganzes Leben mit Arbeit verschwendet.“
Ich arbeite seit ich zwanzig bin in den verschiedensten Jobs. Habe nie BaFög oder HartzIV gekriegt. Ich arbeite gern. Aber nur solange es interessant ist. Sobald sich Routine einschleicht, suche ich mir etwas Neues. Die einzige Konstante ist das Schreiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Foto: kinski.de © Edition Salzgeber

 

 

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Ein Kommentar zu “Vielen Dank für einen Scheißdreck von Nichts

  1. Silbenstreif sagt:

    Hat dies auf MundWerk rebloggt und kommentierte:

    Clint hat ein Interview gegeben. Und es ist natürlich nicht veröffentlicht worden, weil er sich mal wieder den Revoluzzer raushängen lassen musste und die Erwartungen nicht erfüllte… Die ganze Wahrheit 🙂

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