Ich darf nicht zum Porno

Letztens mal wieder eine schöne Lesewoche gehabt. Zuerst mit Sarah und Daniel im Kreuzberg Slam – Finale. Daniel dabei mein Held. Erstens, weil er Schnaps mit mir trinkt, während die meisten anderen Poeten inzwischen nicht mal mehr Bier trinken. Und zweitens, weil er sich dann in seiner Anmoderation so verzettelt, dass die fünf Minuten im Anschluss nicht mehr für seinen Text reichen. Er kommt trotzdem ins Finale. Und was tut er? Den angefangenen Text zu Ende lesen. Um dann einen zweiten anzufangen, der wieder mittendrin abgebrochen wird. Famos.
Bei den Surfpoeten am Mittwoch dann nur dreißig Zuschauer und die schlecht gelaunt. Als hätte man sie gezwungen zu kommen. Jeder vorgetragene Text scheint sie noch weiter zu verstimmen. Weshalb meine Kollegen und ich zu immer verstörenderen Texten greifen. Manchmal entwickelt sich das so. Dass sich eine Front zwischen Vorlesern und Publikum bildet. Hat auch seinen Reiz.
Der Höhepunkt am Donnerstag: Tiere streicheln Menschen. Backstage-Raum, in dem schon Florence gesessen hat. Kühlschrank voller Bier. Wein und Rum auf dem Tisch. Dazu chillaxen mit Sven, Larissa und Gotti. Lässt sich doch eigentlich aushalten, denke ich. Und trotzdem bin ich gestresst. Das liegt an den Porno-Leuten.
Ich porträtiere seit einer Weile für ein Berliner Magazin Menschen mit interessanten Berufen. Früher oder später musste ich da ins Porno-Business geraten. Die Recherche war spaßig: Ich setzte mich mit meinem Laptop ins St. Oberholz. So dass alle meinen Bildschirm sehen konnten. Dann surfte ich Richtung redtube und pornhub. Suchte nach Berliner Produktionen, schaute mir die Besetzungslisten an. Wenn mich jemand in der Kneipe schief ansah, machte ich ein borniertes Gesicht. War ja schließlich Arbeit.
Ziemlich schnell fand ich einen geeigneten Protagonisten: TOM STAHLGRAT. Name geändert. Eine Berliner Keule, nicht älter als ich. Kam als Quereinsteiger ins Business, arbeitete sich hoch, ist inzwischen einer der produktivsten Regisseure. Ich schrieb ihm und bekam prompt Antwort: „Ruf mich morgen mal an.“
Morgen war Samstag, ich hatte eine Verabredung in der Therme im Europa-Center. Zwischen zwei Aufgüssen stellte ich mich auf die Dachterrasse und zückte das Handy. Mein Badenmantel war vorne offen. Bin eben stilbewusst.
„Hey, Tom. Wir haben gestern geschrieben.“
„Ja, klingt cool“, meinte er. Junge Stimme, Lichtenberg-Slang. „Können wir machen. Dann willst du bestimmt mit zum Dreh, oder?“
„Dreh wäre cool. Vielleicht können wir uns auch mal im Schnittstudio treffen.“
„Nein, da bin ich lieber allein. Ist zwar nur Porno, aber da muss ich mich konzentrieren.“
„Und Dreh ist kein Problem?“
„Nein, da sind eh tausend Leute am Set. Nächste Woche Montag machen wir was. Bist herzlich eingeladen.“
„Cool. Ihr könnt mich auch gern als Runner oder Assi einteilen. Kann besser drüber schreiben, wenn ich am Geschehen beteiligt bin.“
„Alles klar. Werd drauf zurück kommen.“
Freudig erregt raffte ich den Bademantel über meinen Hüften zusammen. Nahm mir für Montag frei. Besorgte einen Babysitter fürs Kind (meine Frau war zu der Zeit voll beschäftigt). Nach zwanzig Minuten war der Weg frei geräumt. Porno, ich komme.
Am Sonntag vor dem Dreh, ich recherchierte immer noch fleißig, sagte Tom plötzlich ab: „Hey Clint, Dreh ist leider verschoben. Meld mich mit neuem Termin.“
Also cancelte ich den Babysitter, ging doch zur Arbeit. Am Abend sah ich bei Facebook, dass Tom einen Live-Stream geteilt hatte. Zu sehen waren er und sein Team. Ein kurzes Interview mit der Hauptdarstellerin. „Und jetzt sag ick Tschüsschen, liebe Leute“, krähte er aufgekratzt in die Kamera. „Wir drehen jetze. Das Ergebnis seht ihr wie immer auf Bimsbums.com!“
Ich war frappiert. Nicht so sehr, weil er mich rausgekantet hatte. Sondern weil er es mir derart unter die Nase rieb. Wusste er nicht, dass wir FB-Freunde waren? Oder war es ihm einfach schnuppe?
Ich schrieb ihm: „Tom, wenn du keine Lust auf das Porträt hast, sag mir das bitte. Ich muss auch schauen, wie ich mich organisiere. Eine klare Ansage wäre professionell.“
Die Antwort kam schnell und devot: „Nein, sorry. Ich will das unbedingt machen. Nächster Dreh ist am Freitag. Bist immer noch herzlich eingeladen.“ Dazu schickte er mir seine Privatadresse. Also wieder Termine verschieben, schauen, wo ich das Kind parke. Kein Problem, das war es mir wert. Ich vertiefte mich nochmal in sein Oeuvre, schaute mir seine Folgen von SCHWANZKNIFFEL an. Und die Serie BLASMOBIL, bei der er mit einem Kollegen und zwei Pornosternchen im VW-Bus durch Berlin cruist und Passanten dazu überredet, sich vor der Kamera einen blasen zu lassen.
Doch als ich dann bei Tiere Streicheln Menschen sitze, am Donnerstag vor dem Dreh, kommt eine SMS: „Clint, mein Lieber. Ich muss den Dreh leider absagen. Die Hauptdarstellerin kriegt ihren Schein nicht. Das ist auch für mich scheiße, weil ich dadurch echt Geld verliere. Sorry, sorry, ich hab wirklich Lust auf das Porträt.“
Kann ich ihm glauben? Hat seine Darstellerin die Chlamydien? Oder verarscht er mich? Andererseits komm ich selbst vom Film und weiß, was alles schief gehen kann. Also äußere ich mein Verständnis und hoffe auf einen neuen Termin.
„Super, danke!“, schreibt er zurück. „Bist ein cooler Typ. Melde mich asap mit neuem Termin.“
Dieses ASAP. Das fand ich schon immer schlimm. Macht einen auf Dringlichkeit. Kann aber genauso gut NIEMALS heißen. AS SOON AS POSSIBLE. Aber wer bestimmt, wann es possible ist?
Mehr als acht Wochen später warte ich noch immer auf seine Rückmeldung. Nachhaken kommt nicht mehr in Frage. Ich bin vielleicht eine Hure. Aber immerhin eine, die sich ihre Freier aussuchen kann.
Es zeckt trotzdem ein bisschen. Warum lassen die Porno-Leute mich nicht an sich ran? Bin ich nicht cool genug? Aber sie wollen doch als seriös wahrgenommen werden. Als pflichtbewusste Handwerker. TOM STAHLGRAT lässt mich jedenfalls ratlos zurück.

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