So wunderbar ein Dichter zu sein

Ich hab schon viele kuriose Lesungen gegeben, doch die merkwürdigsten Sachen passieren immer hier in Berlin. Wie bei der Buchmesse in der Kulturbrauerei. Vor mir zog eine Frau ihre Show ab, die sich damit rühmte, die DEUTSCHE SYNCHRONSTIMME VON SEX AND THE CITY zu sein. Als ich dann meine Zeit am Mikro vorwiegend dazu benutzte, die Zuschauer zu beschimpfen, kam zwischendurch meine Verlegerin nach vorn.
„Clint, die haben die Lautsprecher abgestellt.“
„Aber die Monitore laufen doch noch“, sagte ich.
„Die hatten Angst, dass du ausrastest, wenn du’s bemerkst.“
Woraufhin meine wenigen Fans die Monitorboxen zum Publikum drehten und sich schützend davor stellten, während ich weiter Beleidigungen hinaus schrie. (Seither hat das Kesselhaus mich komischerweise nicht mehr als Künstler gebucht.)
Oder im Knast. JVA Hakenfelde. Ich kam mir vor wie Johnny Cash, als ich den Grasdealern und Steuerbetrügern meine Stories vorlas. Doch scheinbar hatte das Resozialisierungssystem längst die Musik aus ihren Seelen gesaugt. Sie trauten sich kaum zu lachen. In der Pause tuschelte eine Gruppe von Knackis in meiner Nähe, dann kam der größte und breiteste rüber und baute sich vor mir auf: „Wir finden es falsch, dass du die Prostituierten in deinem Text Nutten nennst.“ Ob Johnny sich sowas auch anhören musste?
Ich lebe im Wedding und natürlich ist mir hier auch schon eine Laus über die Leber gelaufen. Da ist dieses Ding, das sie FIGHT NIGHT nennen: Eine Boxmeisterschaft der Lokalmatadore. Zwischen den Kämpfen sollte ich krasse Texte vortragen.
Der Ring stand in der Mitte einer riesigen Turnhalle. Einige Hundert Türken und Deutschtürken waren anwesend, sowie ein paar Deutsche, die wie Deutschtürken redeten. Es lag viel After Shave und RESPECT in der Luft. Viel verstehe ich nicht von dem Sport, fand es allerdings schade, dass die Begegnungen meist in der ersten Runde schon endeten, weil einer der Kontrahenten aufgab.
Als ich den Ring betrat, wurde ich augenblicklich nieder gebrüllt.
„Geh arbeiten, Pussy!“, hörte ich es aus der Menge. „Lies uns ein schönes Gedicht!“ Gelächter und Flüche in anderen Sprachen. Mühsam versuchte ich gegen den Lärm anzukommen – vergebens. Ich konnte es ihnen nicht übel nehmen. Sie waren zum Boxen gekommen, um ihre Helden anzufeuern. Es war eine dumme Idee des Veranstalters, mich zartbesaiteten Künstler dazwischen zu stellen.
„Ruhe, bitte. Nochmal kurz Ruhe“, versuchte der Moderator die Leute zu zügeln. „Seid fair, ihr wollt doch auch, dass man euch respektiert!“
Das Lachen wurde noch einmal lauter. Ich beschloss es kurz zu machen und sagte nur einen Limerick von Chandler auf. Überall diese Gesichter. Ihr Testosteron, ihr Sportlergeist, ihre bizarre Version von Ehre.
„Vielen Dank“, rief ich dann. „Ihr wart ein bezauberndes Publikum! Ich bin schon in so vielen Schwulenclubs aufgetreten, aber so schön wie hier war es noch nie.“
Zum ersten Mal an diesem Abend herrschte Stille. Ich sah, wie die Einlasserin bleich wurde und hastig begann, den Büchertisch abzuräumen. Dann ging das Gebrüll los. „Was hat der gesagt? Was für ein Club?“
Zitternd kletterte ich aus dem Ring. Mir war klar, in was für einer gefährlichen Lage ich mich befand. Vor allem wenn man bedenkt, dass meine hochschwangere Frau auch da war. Eilig nutzten wir die Sekunden der Konfusion, um die Halle zu verlassen und in das erstbeste Taxi zu springen. Hinter uns kamen jetzt einige der Jungs auf den Parkplatz gerannt. Während wir ängstlich in Richtung Gesundbrunnen fuhren, dachte ich: Bei meiner Seel‘. Es ist so wunderbar, ein Dichter zu sein.

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