Marmor, Stein und Eisen

Eisen

„Setz dich kurz hin“, sagte sie, als wir ein abgelegenes Zimmer erreichten. Sie entkleidete sich zum größten Teil, noch bevor sie hinter einer spanischen Wand verschwand. Mir war mulmig zumute.
„Ähm, Luciana…” Ich lachte nervös und versuchte Smalltalk zu machen. „Wird Jeff nun die Standfotos machen für unseren Film?“
„Was für Fotos?“ Sie kam nackt zum Vorschein. „Ach so, nein, ich hab vergessen zu fragen.“ Dann bemerkte sie meinen erschrockenen Blick.
„Hey Süßer, entspann dich. Das ist doch nix Sexuelles!“ Sie und ihre Brüste grinsten mich an. „Du bist mein Bruderherz. Deine Meinung ist mir echt wichtig. Jetzt warte mal kurz.“
Ich war zu aufgeregt, um mich darüber zu freuen, was für eine einzigartige Rolle ich in ihrem Leben schon spielte.
„Bist du bereit?“
„Ja, gut.“
„Tataa!“ Sie war immer noch nackt. Zwei schwarze Kreuze aus Isolierklebeband bedeckten ihre Brustwarzen. Ein weiterer Streifen teilte ihr Schamdreieck. Dazu trug sie Schuhe mit sehr hohen Absätzen.
„Nachher kleb ich mir auch die Augen noch zu. Um die Anonymität und Gesichtslosigkeit unserer sexualisierten Gesellschaft deutlich zu machen. Wie findest du’s?“
„Ja, also.. Schon ziemlich… krass.“
„Echt, es gefällt dir?“ Sie strahlte und rannte nackt auf mich zu, um mir wieder einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Ich verfolgte ihre Performance gebannt, auch wenn ich nicht recht begreifen konnte, worum es da ging. Sie hatte auf dem Boden einen Kreis aus Kreide um sich gezogen und vollführte darin seltsame Übungen. Das dauerte seine Zeit. Als sie irgendwann plötzlich den Raum verließ, klatschte ich als Erster. Im ausbrechenden Applaus erntete ich anerkennende Blicke. Man nahm mich als Connaisseur wahr. Ich gehörte dazu…

Fortsetzung folgt heute Abend bei den Surfpoeten. Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr

Tales from the darkroom

sdfghj

Wir stahlen uns in die Dampfsauna, wo eine einzelne schwache Funzel vergeblich gegen die Dunstschwaden ankämpfte, und suchten Deckung hinter einer Wand, die aufgrund einer sinnlos hohen Anzahl von glory holes ganz porös wirkte. Aus den Schatten um uns herum drangen saftige, zischelnde, wimmernde Laute.
„Warum hast du vorhin gesagt, ich sei kein Germane?“, flüsterte ich.
„Weil es Unsinn ist. Kleinbürgerliche Geschichtsauffassung ist das.“
„Wieso?“
„Früher wollten alle so sein wie die Römer. Und wenn nicht, dann wenigstens wie die Franzosen bei Hof. Erst als Napoleon euch kastriert hat, wolltet ihr eine eigene Identität.“
„Schatzi!“, hörten wir die Polnische rufen.
„Und kaum kommt der sauertöpfische Wagner daher und verhunzt das Nibelungenlied, glaubt ihr tatsächlich, ihr hättet etwas mit den Germanen zu tun.“
„Hierher, mein kleiner Siegfried!“
„Siehst du.“
Wir drangen tiefer in den Schatten vor. Das Schmatzen und Klatschen wurde lauter, das Atmen zunehmend mühevoll.
„Finden wir hier je wieder raus?“
„Geh weiter“, zischte Silas. Die Polnische war uns dicht auf den Fersen. „Nur weiter, bald kommt die Treppe.“
Ich ertastete schmierige Fliesen, haarige Haut, ein klebriges Nass, hinter mir die Rufe des Dämons: „Deutsch, deutsch, deutsch, ein deutsches Pralinchen, lass dich zähmen, du arische Frucht.“ Dann spürte ich einen Luftzug. Die Treppe. Doch die Stufen führten noch tiefer hinab…

Fortsetzung folgt am Mittwoch bei den Surfpoeten (Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr)

Ein Schwank für Cineasten

sdfghj
…Ein Kerl, der zwei Hocker neben mir saß und uns schon eine Weile zugehört hatte, rückte plötzlich näher. Ich arbeitete derweil an meinem Bier.
„Studierst du Film?“, fragte er mich.
„Nein.“
„Ich kann die Italiener auch nicht leiden. Die sind so prätentiös.“
„Hm.“
Er nippte an seinem Rotwein.
„Stehst du auf Lynch?“, fing er dann wieder.
„Jeder steht auf Lynch.“
„Was?“
„Jeder, der sich für Filme begeistern kann, mag Lynch.“
„Für mich ist er der Größte.“
„Ja, aber es gibt nichts Interessantes über ihn zu sagen.“
„Findest du?“
„Ja.“
„Hm. Obwohl ich sagen muss, dass ich INLAND EMPIRE ziemlich schwach fand.“
Ich sagte jetzt überhaupt nichts mehr, aber er brauchte anscheinend auch keinen Gesprächspartner, um seinen Kram loszuwerden.
„Ich meine,  Mulholland Drive kann man ja noch gelten lassen. Der war zwar auch schon affektiert, aber wenigstens noch irgendwie witzig. Aber das ist doch jetzt nur noch trashig. Denkst du nicht auch, dass er langsam mal wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren sollte?“
„Du redest ja wohl einen völligen Schwachsinn. Und wenn du in Zusammenhang mit Lynch solche Wörter wie ‚Trash’ oder ‚Wurzeln’ benutzt, hast du wirklich gar nichts verstanden.“
Ich mochte INLAND EMPIRE auch nicht so recht, aber das musste ich diesem Spinner ja nicht auf die Nase binden.
„Außerdem ist Mulholland Drive sein bester Film“, schloss ich.
„Warum bist du denn auf einmal so aggressiv?“
„Mit gehen Leute wie du auf den Sack, die so tun, als wäre ein Regisseur ihnen irgendwas schuldig, nur weil sie seine Filme toll finden.“
„Ist ja gut.“
„Nichts ist gut. Ich kenn doch eure Fan-Foren und wie ihr euch als Kenner und Kritiker aufspielt. Aber soll ich dir was sagen? Als Fan hast du nur ein einziges Recht: Zu schlucken und die Schnauze zu halten.“
 
Fortsetzung folgt morgen Abend bei den Surfpoeten (Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr)

In English, please!

piojupi

THE BERLIN MANDARINS

The doorbell chimed, I went over and bumped my toe at the piano. The smallest one. Hurt like hell. After having pushed the button to unlock the front door, I took a baseball bat from the corner. Four cuts already decorated its surface, and the fifth one was soon to follow.
“You dumbassed-motherfucking dick of a piano! Stop standing in my way so stupidly! – ARGH! And you got the smallest of the pack again, as usual. Fuck it!”
The white piano keys just flew through the room, while the black ones remained put. They must have been attached differently. Then Ennio entered. He witnessed to my performance for a while and lit a cigarette for himself.
“And what else is going on?” I asked between two slams.
“I’m drunk,” he answered, “I’ve just returned from Tel Aviv.”
“What did you do there?”
“Can’t remember. At first, I was in Vienna. Met some blonde girl there.”
“And then?”
“We got wasted and flew off to Syria. And then to the Jews. Buddy, I tell ya: Don’t ever set off to Syria and try to get across the border to Israel.”
“Did they shake hands with you – nice and slow?”
“Eight fucking hours they kept us! And not a drop of freaking alcohol to be found, nowhere! Which reminds me. Gimme something, will ya?”
I handed the schnapps over to him.
“You still playing the piano?” he asked.
“No more, nah.”
“Didn’t eat anything at all the last four days.”
“Me, neither.”
“Uh-huh.”
“Where’s the blonde now?”
“Can’t remember. I just came here from Tegel Airport – the cab’s still waiting downstairs.”
“Why didn’t ya say so?”
We walked down stairs and got in. Then we told the driver some pub’s name. On Kastanienallee, I saw the architect standing in a phone booth. We came to a halt and I opened the door for her.
“Ada – that’s Ennio. Ennio, Ada.”
“So, whatcha ya doin’, Ennio?” she asked.
“Nothin’ much. I’m drunk.”
” Me too.”
„Nice to meet you.”
„Wanna go and watch a Union match? Got tickets.”
“Against whom?” I inquired.
“Against 1860.”
“Sounds like a deal.”
So we were chauffeured to the Alte Försterei, Union’s stadium, and I paid for the tickets with my last reading session’s payment. Then we stood near the Ultras and drank beer from paper cups. Wasn’t a bad game, actually.
When I went for a refill, I suddenly couldn’t see properly anymore. Everything went black, my tummy turned all woozy and I knocked the back of my head quite bad. I could suddenly see the world from Frog’s perspective, while my head throbbed. I was lying in some brunette‘s lap – who was most likely not the cause for the pain, though, and wanted to know if everything was fine with me.
“Sure. How ‘bout you?”
She had an awesome mouth, and I was pretty comfy in her lap.
“You just broke down, completely out of the blue.”
“Yeah, I had too much to drink.”
“But you don’t seem that drunk.”
“Nope. It wasn’t the amount of drink that did me, but booze is getting all messy in combination with my meds.”
“What do you take?”
“Whatever I can get hold of.”
“I see.”
“So, what’s your name?” I asked.
“Stella.”
“Nice. And you’re a doc or somethin’?”
“Yep. A gynecologist, to be precise.”
“Marvelous. Wanna join my pals ‘n’ me?”
“Can you even get up onto your feet again?”
“Sure. I keep falling down over and over again. I’m an artist, you know?”
“And that’s what they do?”
“Guess so…” I cleared my throat. “Say…umm…”
“What’s up?”
“Your lips…”
“What’s the matter with ‘em?”
“They look so nice. Is there a chance for me to kiss ‘em?”
“You think it’s that easy?”
“No idea. Let’s find out.”
She bent down, which made me all excited. I usually play around a little with the girl’s upper lip, but this time it didn’t work, because everything was upside down. Like between Kirsten Dunst and Tobey Macguire. The Spiderman-kiss.
Finally, we bought some beer and took it with us to Ennio and Ada. “That took you pretty long, buddy!” the Italian shouted on seeing us getting closer.
“Yeah, but I do have a gynecologist with me.”
“Fabulous.”
“Right?”
The rest of the match somehow slipped my attention, because it was so very consumed by Stella’s mouth. Union caught some silly little goal in the last few moments, but it didn’t really matter, because the vibe in the stadium was kick-ass. Afterward, we drove to Mitte and hung around in a pub.
“So, are you artists, too?” Stella asked at some point.
“Who would you take for an artist around here?” Ada asked.
“Well, me,” I clarified and plucked tobacco crumbs out from between my teeth.
“Psh, artists! We’re drunkards, all of us – that’s what we are. And unsocial, if you have to know.”
“Nevermind. It’s a pleasure meetin’ you.”
In the meantime, I threw up in the pub’s facilities and asked the barkeeper for a glass Aquavit against the smell. The very moment I returned to Stella’s side and hugged her towards me, the door opened, and Carmen entered the bar. She had tied her hair on top of her head.
“Hey, fellas!” she merrily greeted the entire bunch.
“Carmen, I love you!” Ennio said, “You’re the most beautiful woman in the world.”
“And I love you, too!”
Ada smacked his cheek lightly, “You told me the very same thing,” she said.
“What?”
“That I’m the most beautiful girl in the world.”
“And so you are!”
“Thanks. That’s so cute of you to say.”
“Anyone willing to join me for some sparkling wine?” Carmen asked.
I ordered a bottle and made the cork pop into a group of whackos who shouted, “Watch out, you idiot!”
“If you’ve got a prob: The door’s right over there.”
They grumbled and whined, but dropped the issue. I kissed Stella again before she headed towards the bathroom. Then I clinked glasses with Carmen.
“Hey, baby,” I said, “Since when are you back?”
“I arrived two hours ago. Munich was hell!”
“Told you.”
“And how are you?”
“Pretty fine. Union lost today’s game, though.”
“And who’s the chick who’s all over you today?”
“Nothin’ serious, really. She saved my life.”
“Marry me.”
“For real?”
“Dunno.”
“But I would marry you.”
“Still – it doesn’t make much sense, right?”
“Probably not.”
“Will you take me home?”
“If you want, sure.”
“Or is that a bad idea, with the new one and all?”
“Don’t worry. She’s a gynecologist, she’ll cope. And Ada and Ennio are still here, after all.”
“I just don’t wanna bitch around.”
“You never do.”
We set off on foot, because the way was really rather short. Long enough to buy two more bottles of sparkling wine, though.
“Are you still on your pills?” Carmen asked at some point.
“Yeah, six weeks nonstop again, currently.”
“And you’re getting along?”
“Doin’ nothing but sleeping, writing and playing the piano.”
“And your stomach?”
“It’s okay. Everything for art‘s sake.”
We reached my place and the oven was even warm still. We got naked and faced each other like that. When I moved towards her, I stepped on one of the splintered piano keys.
“Shit,” I said.
“Shit’s not a nice word to use.”
“I’m sorry.” I hugged her and we slightly swirled in a circle, looking each other deeply in the eyes.
“So, what happens now?” she asked.
“When?”
“Just generally. In this life.”
“I don‘t kn ow.”
“And tomorrow?”
“No idea.”
“Do you like me?”
“Pretty much.”
“Do you think I‘m beautiful?” She made a full turn.
“You’re very beautiful.”
“So – maybe everything’s going to be alright?”
“Certainly, even. I promise.”
“I’m feeling better immediately.”
“See? You’re a good girl.”
“Let’s lie down.”
“Sure,” she went first, and I mounted her, grabbed her hair and everything was just the way it should be. Without yesterday, without tomorrow – simply here and now. A silent blink of the eye in this life, alive to love and strive.

Der Feind in den eigenen Reihen

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Es gilt dem Phänomen Arbeit nicht grundsätzlich auszuweichen. In geringen Dosen kann es anregend sein. Man entkommt seinem Alltag, sieht auch mal andere Gesichter und manchmal, wenn es gut läuft, gibt’s sogar Handgeld, um die lieben Laster zu pflegen.
„Was machst du mit deinem nächsten Lohn?“, fragt mich Carlo in der Kantine.
„Wieso? Ist schon wieder der erste?“
„Sehr witzig.“
„Ich weiß nicht. Hab aufgehört, an sowas zu denken.“
„Na gut, es ist Juli. Wann hat der Chef das letzte Mal Geld rausgetan? Im April?“
„Kommt ungefähr hin.“
„Mann, ich brauch die Kohle echt nötig.“
„Warum?“, frag ich.
„Das Kind kommt im August.“
„Was braucht ihr denn noch?“
„Wickelkommode, Stillkissen, ein Bett und ’nen Autositz.“
„Das kann sicher dauern. Der Chef hat kein Geld.“
„Soll ich’s meinem Kind zum achtzehnten schenken?“
„Besser spät als nie.“
„Wie kommst du denn über die Runden?“
„Ich geh nebenbei schwarz auf den Bau.“
„Das ist doch scheiße.“
„Reg dich nicht auf. Wenigstens gibt’s heute Trinkgeld.“
Alexej kommt aus dem Kühlhaus und balanciert mehrere Kisten mit Tintenfisch. Er wuchtet sie neben mein Schneidbrett.
„Welcher Idiot hat eigentlich die Artischocken auf den Rucola gelegt?“, fragt er.
„Weißt du doch nicht.“
„Tja, dann gibt’s heute wohl Pesto, nicht wahr?“
„Mach doch“, sagt Carlo und wirft einen raschen Blick auf die Kisten. „Wie sollen eigentlich zwölf Kilo für zweihundert pax reichen?“
Alexej überlegt kurz. „Scheiße“, sagt er. „Aber der Chef muss eh nochmal einkaufen gehen.“
„Wieso?“
„Ich brauch Mullaca-Wurzeln und lila Mais.“
„Wofür brauchst’n du lila Mais?“…

Fortsetzung folgt heute Abend bei den Surfpoeten (Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr)

Sinfonie der Tausend

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Prag, Hradčanské náměstí, früher Abend bei Nieselregen, ich trage einen leeren Holzsarg und habe ein déja-vu. Der Zweispänner poltert an mir vorbei, beschreibt einen Bogen vor Ignaz Platzers Giganten und droht zu kippen, als die Pferde auf dem glänzenden Kopfsteinpflaster ins Straucheln geraten.
„Weiter links, weiter links!“, brüllt der österreichische Regisseur über Funk. „Wie oft muss ich das sagen, verdammt? Alles auf Anfang! Wir machen das Ganze nochmal!“
Die Schauspieler stöhnen, es war schon der fünfzehnte Durchlauf und ein Ende ist längst nicht in Sicht. Während wir uns zu den Startpositionen bewegen, trifft mein Blick den des Mädchens, das neben dem Kutscher kauert und sich nur mühsam festhalten kann.
„Sowas Schlimmes hab ich noch nie erlebt“, sagt sie später, als wir mit Wodka auf der Burgmauer sitzen. „Ich dachte, wir kippen und fallen da runter.“ Ihr Finger zeigt auf die schlafende Stadt, die sich von unseren Füßen bis zur Moldau erstreckt und noch weit darüber hinaus.
„Es ist nie schön, Mahlers Begräbnis zu proben“, sag ich.
„Du hast das schon mal gemacht, nicht?“
„In Portugal sind die Pferde durchgegangen und haben zwei Statisten über den Haufen gerannt.“
„Echt?“
„Und in Israel gab’s keine Pferde. Da musste ich die Kutsche ziehen.“
„Ich will das nie wieder machen!“
„Hier, trink ‘nen Schluck.“
Als die Flasche leer ist, gehen wir über den nächtlichen Hradschin zum Martinicky-Palais, unserer Spielstätte. Der Hof ist taghell erleuchtet.
„Was ist denn hier los?“, fragt das Mädchen. „Schon wieder ‘ne Dildo-Messe?“
„Nein, die war gestern zu Ende.“
„Da sind überall Nazis.“
Das Mädchen hat recht. Vor den Türen zum historischen Stall stehen mehrere Kerle in SS-Uniformen. Bei ihnen Frauen in Bademänteln.
„Sieg Heil“, ruf ich und salutiere salopp. Die Nazis schlagen die Hacken zusammen.
„Was geht denn hier vor?“, will ich wissen.
„Wir drehen ein movie“, sagt der Standartenführer. Slowake, dem Akzent nach zu urteilen. „Kommt rein und schaut selbst.“
Bereits in der Tür schlägt uns der graue Geruch von Sperma und Schweiß entgegen, dann sehen wir, was zu erwarten war: Kopulierende Frauen und Männer, die Frauen nackt, die Kerle verkleidet als Gladiatoren, Samurais, Rotröcke.
„Ein gangbang-movie, hm?“
Der Standartenführer nickt stolz.
„Ein historisches gangbang-movie!“
Das Mädchen und ich fliehen in den Flügel, in dem unsere Zimmer liegen. Umarmen uns vor meiner Tür, stehen einen Augenblick schweigend und trennen uns dann – ein Ritual, das wir seit einiger Zeit praktizieren.
Am nächsten Tag gehe ich wieder meiner Tätigkeit als Gesamtleiter nach. Trage gerade ein paar Requisiten über den Hof, als Ivan, der Hausmeister, auf mich aufmerksam wird.
„Clint-Mann!“, ruft er.
„Nein, nein, ich hab keine Zeit.“
„Clint-Mann! Haben Sie: Gute Slivovice, tak tak!“
„Ich kann jetzt nix trinken.“
„Slivovice, Marincovice, gut.“ Er packt meinen Arm und zieht mich an einen Tisch, wo bereits der stiernackige Besitzer des Palais vor mehreren Schnapsgläsern sitzt.
„AHH, CLINT-MANN“, brüllt er. „NASTRAWI, AHOI!“
Seit ich weiß, dass er ganze Wälder als Militärtestgelände an die Regierung vermietet, und seit ich gesehen habe, wie er einen Polizisten geohrfeigt hat und dieser nur kleinlaut das Weite suchte, traue ich mich nicht, seine Einladungen auszuschlagen.
„Ahoi“, sag ich und kippe den Fusel, der nicht einmal schlecht ist, aber leider eine mörderische Fahne verursacht. In der nächsten Stunde prasselt tschechisches Kauderwelsch auf mich ein, bei dem es scheinbar um den Historienfilm geht. Der Besitzer zwinkert regelmäßig und klopft mir grob auf die Schulter.
„CLINT-MANN, GUT! DEUTSCH PORNO, GUT! CESKY PORNO, GUUUT, HAHAHA! AHOI, CIAO!!“
Schließlich ist es das Mädchen, dass mir nach meinem vierten Glas zu Hilfe eilt.
„Der Regisseur sucht dich. Du sollst in den Festsaal kommen.“
Ich bedeute den Tschechen, dass ich arbeiten muss, was sie mit allerhand anzüglichen Gesten und Blicken auf das Mädchen quittieren. Egal, wo ich bin, stets ziehe ich die beste Gesellschaft an.
„Da bist du ja endlich. Du warts doch bestimmt wieder saufen.“ Der Regisseur hat einen hochroten Kopf.
„Irgendwer muss sich doch mit den Einheimischen verbrüdern“, sag ich.
„Das hast du in Israel auch schon gesagt. Und als ihr verbrüdert wart, wollten sie als erstes mehr Geld.“
„Ist doch egal, ob du ihnen fünf- oder zehntausend versprichst. Am Ende zahlst du eh nie.“
„Zieh deine Uniform an. Wir proben jetzt Krieg.“
Schwitzend steh ich im Fackelschein, es ist 1914 und Kokoschka tauscht die Windsbraut gegen ein Pferd, um mit den Dragonern nach Galizien zu reiten.
„Alles auf Anfang! Ihr Trampel macht alles falsch!“
Zur Strafe, dass ich so vorlaut war, muss das Mädchen die Szene halbnackt spielen. Der Regisseur weiß, dass ich sie mag. In ihren Augen schimmert der Zorn, doch sie gibt sich nicht die Blöße zu weinen.
„Warum arbeiten wir für so eine Sau?“, fragt sie später.
„Ich glaub, wir sind nicht ganz bei Trost.“
„Machen wir heute Abend was Schönes?“
„Von mir aus. Sie spielen Mahlers Achte im Fußballstadion.“
„Ihr geht nirgendwo hin“, zischt der Regisseur, der plötzlich hinter uns steht. „Wir sind nachher in der Botschaft geladen und ich zahl euch nicht fürs Musik hören.“
„Du zahlst uns?“
„Ruhe! Geht endlich was arbeiten!“
Seit Beleuchter, Ausstatter und Requisiteure gefeuert wurden, bin ich auch zuständig für diese Departments. Das Mädchen ersetzt Kostümfrau und Maske.
Ich bin gerade im Keller zugange, repariere einige Möbel, als ein Zischen ertönt. Der Hausmeister Ivan tritt aus dem Dunkel.
„Clint-Mann, kommen Sie.“
Er winkt mich zu einem Loch im Mauerwerk und zieht einen Kuchen und eine Flasche Slivo heraus. In jedem Raum scheint er solche Verstecke zu haben. Wir trinken nacheinander, dann verkorkt er die Flasche sorgfältig und stellt sie zurück.
„Und den Kuchen soll ich behalten?“
„Tak. Clint-Mann essen. Clint-Mann stark.“
Es ist der vierte Kuchen seit Montag. Ivan verschwindet im Schatten.
Beim abendlichen Diner werde ich neben der Frau des Botschafters platziert. Sie trägt weiß und sieht traurig aus. Meine Schnapsfahne ist mir unangenehm. Bis sie mir unter dem Tisch einen Flachmann reicht.
„Sie sind Deutscher, nicht wahr?“
„Richtig“, sag ich und greife verstohlen danach.
„Und wie ist es so, für einen Österreicher zu arbeiten?“, fragt sie.
„Es gibt Schlimmeres.“
„Ach wirklich? Ich bin seit dreißig Jahren mit einem verheiratet und ich kann Ihnen sagen: Es gibt nichts Schlimmeres.“
Sie nimmt einen Schluck und schaut gelangweilt zu ihrem Gatten.
„…deswegen ist es uns eine besondere Ehre, dieses Theaterstück im zweiten Wien präsentieren zu dürfen“, blubbert dieser derweil in die Runde.
„Zum Kotzen“, sagt die Botschafterin.
„Wie gerät eine Frau wie Sie an so eine Pfeife?“
„Vielleicht bin ich eine Idiotin.“
„So sehen Sie eigentlich nicht aus.“
„Man wird schneller dazu, als man denkt.“
Ihre Worte klingen nach, als ich zwei Stunden später mit dem Mädchen das Fußballstadion betrete. Das Orchester stimmt Es-Dur, es herrscht großes Gedränge und unsere Plätze sind längst belegt.
„Soll ich die Typen verscheuchen?“
„Nein“, sagt das Mädchen und ich bin darüber erleichtert. „Lass uns hier auf der Treppe bleiben.“
„Es ist schön mit dir.“
„Mit dir auch.“
Wir setzen uns auf eine der Stufen. Und während die Chöre der Tausend ihre Stimmen erheben, beschleicht mich die Ahnung, dass mein Leben sich nicht mehr groß ändern wird. Veni, Creator Spiritus. Hin und wieder ein tröstender Drink, dieses Mädchen an meiner Seite. Und vor den Stadtmauern der allumfassende Wahnsinn.