Niederknien vor Koks und Nutten

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Clint Lukas ist Schriftsteller und liest seit einigen Jahren jeden Mittwoch bei den Surfpoeten seine Geschichten vor. Schon viel länger schlägt sein Herz jedoch fürs Filmemachen.

NIEDERKNIEN VOR KOKS UND NUTTEN soll ein Abend werden, der sich diesem Drang widmet. 

Clint Lukas liest und erzählt von chaotischen Filmdrehs, spleenigen Schauspielern, mondänen Premieren. Er zeigt seinen bislang unveröffentlichten Kurzfilm HEINZ und wendet sich dann dem Meilenstein seiner Karriere zu: KOKS UND NUTTEN, ein Film, für den Clint über Leichen gehen musste – nicht zuletzt seine eigene.
 
PREVIEW: 9. Mai (Z-Bar, 20.30Uhr, Eintritt 4,- Euro)
PREMIERE: 10. Mai (Mauersegler, 20.00 Uhr, Eintritt 4,- Euro)
 
 

Deus lo vult

Bild: "Gott will es" von Rudolf Herberhold

Wir waren vor dem Morgengrauen in St. Jean Pied de Port aufgebrochen, mein Freund Yves, der angehende Anwalt, und ich. Und das einzige, was noch zwischen uns und Pamplona lag, waren die Pyrenäen.
„Verschissene Pilger“, zischte Yves jedes Mal, wenn wir irgendwen auf dem ansteigenden Pfad überholten. „Katholikenvolk, verblödetes.“ Und er warf spöttische Blicke auf ihre mit Jakobsmuscheln verzierten Gehstöcke.
Das Kokspaket drückte beruhigend gegen meinen Oberschenkel, seit ich es aus dem Schuh genommen und wieder in die Hosentasche gesteckt hatte. Unsere Sorgen wegen der Grenze waren unbegründet gewesen. Nur ein Schlagbaum und ein Schild markierten den Übergang nach Spanien, doch kein Mensch weit und breit.
„Gib mal was von dem Stoff“, sagte Yves und schniefte ihn vom Handrücken, ohne hinzusehen oder gar stehen zu bleiben. Seine Pupillen waren Stecknadelköpfe und der Schweiß rann in Strömen aus seinem Haar.
„Wir hätten der Nonne in Lourdes diese Pillen abkaufen sollen“, sagte er und kaute wie ein Berserker auf dem zarten Fleisch seiner Lippen.
„Ja“, seufzte ich. „Wir wussten ja nicht, dass man so leicht nach Spanien rein kommt.“
„Hätten es wissen müssen. Sind schließlich Pilger.“
„Du meinst, uns kann man vertrauen?“
„Wir sind kreditwürdig.“
„Absolut.“
„Gib mal was von dem Stoff.“
„Schon wieder?“
„Bin Anwalt, kein Bergsteiger. Treibstoff muss her.“

Fortsetzung folgt heute Abend bei den Surfpoeten, 21.00 Uhr, Mauersegler.

Bild: “Gott will es” von Rudolf Herberhold

Marmor, Stein und Eisen

Eisen

„Setz dich kurz hin“, sagte sie, als wir ein abgelegenes Zimmer erreichten. Sie entkleidete sich zum größten Teil, noch bevor sie hinter einer spanischen Wand verschwand. Mir war mulmig zumute.
„Ähm, Luciana…” Ich lachte nervös und versuchte Smalltalk zu machen. „Wird Jeff nun die Standfotos machen für unseren Film?“
„Was für Fotos?“ Sie kam nackt zum Vorschein. „Ach so, nein, ich hab vergessen zu fragen.“ Dann bemerkte sie meinen erschrockenen Blick.
„Hey Süßer, entspann dich. Das ist doch nix Sexuelles!“ Sie und ihre Brüste grinsten mich an. „Du bist mein Bruderherz. Deine Meinung ist mir echt wichtig. Jetzt warte mal kurz.“
Ich war zu aufgeregt, um mich darüber zu freuen, was für eine einzigartige Rolle ich in ihrem Leben schon spielte.
„Bist du bereit?“
„Ja, gut.“
„Tataa!“ Sie war immer noch nackt. Zwei schwarze Kreuze aus Isolierklebeband bedeckten ihre Brustwarzen. Ein weiterer Streifen teilte ihr Schamdreieck. Dazu trug sie Schuhe mit sehr hohen Absätzen.
„Nachher kleb ich mir auch die Augen noch zu. Um die Anonymität und Gesichtslosigkeit unserer sexualisierten Gesellschaft deutlich zu machen. Wie findest du’s?“
„Ja, also.. Schon ziemlich… krass.“
„Echt, es gefällt dir?“ Sie strahlte und rannte nackt auf mich zu, um mir wieder einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Ich verfolgte ihre Performance gebannt, auch wenn ich nicht recht begreifen konnte, worum es da ging. Sie hatte auf dem Boden einen Kreis aus Kreide um sich gezogen und vollführte darin seltsame Übungen. Das dauerte seine Zeit. Als sie irgendwann plötzlich den Raum verließ, klatschte ich als Erster. Im ausbrechenden Applaus erntete ich anerkennende Blicke. Man nahm mich als Connaisseur wahr. Ich gehörte dazu…

Fortsetzung folgt heute Abend bei den Surfpoeten. Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr

Tales from the darkroom

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Wir stahlen uns in die Dampfsauna, wo eine einzelne schwache Funzel vergeblich gegen die Dunstschwaden ankämpfte, und suchten Deckung hinter einer Wand, die aufgrund einer sinnlos hohen Anzahl von glory holes ganz porös wirkte. Aus den Schatten um uns herum drangen saftige, zischelnde, wimmernde Laute.
„Warum hast du vorhin gesagt, ich sei kein Germane?“, flüsterte ich.
„Weil es Unsinn ist. Kleinbürgerliche Geschichtsauffassung ist das.“
„Wieso?“
„Früher wollten alle so sein wie die Römer. Und wenn nicht, dann wenigstens wie die Franzosen bei Hof. Erst als Napoleon euch kastriert hat, wolltet ihr eine eigene Identität.“
„Schatzi!“, hörten wir die Polnische rufen.
„Und kaum kommt der sauertöpfische Wagner daher und verhunzt das Nibelungenlied, glaubt ihr tatsächlich, ihr hättet etwas mit den Germanen zu tun.“
„Hierher, mein kleiner Siegfried!“
„Siehst du.“
Wir drangen tiefer in den Schatten vor. Das Schmatzen und Klatschen wurde lauter, das Atmen zunehmend mühevoll.
„Finden wir hier je wieder raus?“
„Geh weiter“, zischte Silas. Die Polnische war uns dicht auf den Fersen. „Nur weiter, bald kommt die Treppe.“
Ich ertastete schmierige Fliesen, haarige Haut, ein klebriges Nass, hinter mir die Rufe des Dämons: „Deutsch, deutsch, deutsch, ein deutsches Pralinchen, lass dich zähmen, du arische Frucht.“ Dann spürte ich einen Luftzug. Die Treppe. Doch die Stufen führten noch tiefer hinab…

Fortsetzung folgt am Mittwoch bei den Surfpoeten (Berlin, Mauersegler, 21.00 Uhr)