Fick dein eigenes Hirn

Justinian

Auf dem Weg zur Arbeit
lese ich in der Geschichte des Byzantinischen
Reichs.
Nach dem Job, nachdem ich
das Kind abgeholt
die U-Bahn verpasst
die Miete gezahlt und
eingekauft habe, vertritt mir
eine Frau den Weg mit
der Frage, ob ich meinen Telefonanbieter
wechseln will. Und ich brülle das arme Ding an:
„Ich will mir was über Kaiser Justinian notieren!“
Ich weiß, dass das schrullig ist. Aber es sind
meine Schrullen
und die nehmt ihr mir nicht
auch noch.

Unter kleinen Männern

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Ich mag sie trotz allem noch immer.
Liebe ist es nie gewesen, zu kurz
die gemeinsame Zeit. Doch
wir sind noch ein Team,
auch wenn sie sich nicht berührten, unsere Leben in den vergangenen Tagen.
Sie interessiert sich nicht mehr für Buddhismus,
sondern für Tischtennis. Tischtennis ist
ihr neues Steckenpferd.
Mia mit dem Schlafzimmerblick. Die schöne, kleine Mia.

Schon damals ist sie mir seltsam erschienen, die Verehrung
dieses Fluchs aus dem Osten. Als Mia
beten ging für die tote Frau ihres Lama. Beten im Zentrum
mit den anderen Bekehrten, vierzig Euro pro Kopf. Der
selbsternannte Lama aus Dänemark, von dem sie mir
Fotos zeigte im Netz. Der Lama, der seine Frau verlor und
nichts weiter hat zum Trösten als seine Millionen und die Scharen
gläubiger Mädchen, zur Defloration bereit.
Ich mochte sein Grinsen nicht, wie ich den Papst nicht mag, oder
den lächelnden Heuchler aus Tibet. Zu heilig
seine Religion aus Diamant, die doch auch nur ihre Kinder
unter der Knute hält in Indien und
Nepal und überall, seit Jahrtausenden schon.

Doch Mia spielt nun Tischtennis. „Ich
hab seit Wochen nicht meditiert.“ Und im Zentrum
vermissen sie ihr Gesicht.

Ich spiele kein Tischtennis, so wie ich kein Buddhist bin oder Christ oder Juso,
aber wir sind in diese Bar gegangen, eine Tischtennis-Bar und
ich mag Mia trotz allem noch immer.
Nur Kerle im Raum, Miniaturen von Kerlen, so klein wie
ihre rot-schwarzen Schläger. Sie springen
im Kreis um die Platte, mit
ihren Sportjacken und Hornbrillen.
„Was, wenn ich nicht kann?“, frag ich und Mia sagt: „Wir machen
das schon. Ein Team wie früher, nur du und ich.“

Doch wir verlieren 21:2. Mia ist Anfängerin und ich nicht mal
das, die andern dagegen Ligisten. „Da muss aber noch jemand üben“, sagt
eins der Männlein zu mir und ich würde ihm gern eine geben,
dass sich das Glas seiner Brille
mit den Augen mischt.
Ich hab gegen Engel und
Teufel im Hades gekämpft. Mein Herz ist
ein Schauplatz von Kriegen.
Doch was ist es wert in einer Welt, die von kleinen Männern regiert wird,
einer Tischtenniswelt voller Hornbrillen?

„Mach mal allein“, sag ich und Mia ist froh. Sie ist gekommen
zu üben. Und ich sitz an der Bar und warte
eine Stunde und noch eine Stunde und das Bier ist warm
und schmeckt nach Staubsaugerluft. Und
Mia spielt und wird nicht besser, aber sie muss
üben und üben für die Selbstverwirklichung. Der Buddhismus
hat nicht gereicht.
Und sie macht einen Punkt und fällt dem Männlein
um den Hals. Ich bin nicht mehr da in ihrem Kopf, noch
in sonst einem Teil ihres Körpers.
Und ich stehe auf und gehe da weg und lasse
sie ziehen, die kleine Mia. Mia mit
dem Schlafzimmerblick. Ich mag sie jetzt
nicht mehr.

(Bildquelle: by_A.Dreher_pixelio.de)

Ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen

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ich hab einem Nazi die Füße gewaschen,
ich hab einem Baulöwen die Beichte erspart,
ich hab einem Whistleblower auf die Hose gebrochen,
ich hab einen Sachbearbeiter nach seiner Meinung gefragt.

ich hab eine Hure zum Ritter geschlagen
ich bin dem Botschafter in die Hacken gelatscht
ich hab einem Entführer die Tür aufgehalten
ich hab einen Hell’s Angel mit Bonbons in mein Auto gelockt.

ich durfte Schlagersängern die Steigbügel halten
ich hab Brillenträgern die Hand gereicht
ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen
ich hab Legionen von Klonen die Betten gemacht.

ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen
ich hab einem Banker die Seele geraubt
ich hab mit youtube-Stars Barrikaden gebaut und gehalten
ich war mit dem Kriegsminister im Kino ein Film über Kiffer und
den Weltuntergang.

Ich hab
Devisen vernichtet
kleine Brötchen gebacken
Fischgräten zerstoßen
Bier kaltgestellt
den Stecker gezogen
die Antenne geknickt
tote Engel gesehen
und das perfekte Verbrechen.
Ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen
wir machen alle nur unseren Job.

ich hab dem Zahnarzt die Zähne gezogen
ich hab den Autoritäten der Fakultäten das Leben erklärt
ich war syrisch essen mit einem Bomberpiloten
ich hab Herodes einen Tempel gebaut.

ich hab eine Nonne ans Messer geliefert
ich hab einem Busfahrer meine Geschichte erzählt
ich hab einem Waffenhändler das Herz gebrochen
ich hab für einen Staatsanwalt Räuberleiter gemacht.

ich hab die Manschetten eines Bestatters gebügelt
ich hab die Macheten von Kindersoldaten geprüft
ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen
ich hab einen Lobbyisten zu Vishnu bekehrt.

ich hab einen Bullen in Notwehr erschossen
ich hab einem Pfaffen die Unschuld geraubt
ich bin eine Meile in den Schuhen von Toten gelaufen
ich hab dem Arbeitsvermittler meine erstgeborene Tochter geboten er
hat nicht gehört.

Ich hab
Akte gezeichnet
den Freitod studiert
die Zeitung gelesen
Silber gezählt
den Draht durchgeschnitten
die Jungfrau zersägt
tote Helden gesehen
und das perfekte Verbrechen.
Ich hab den Sheriff in Notwehr erschossen
wir machen alle nur unseren
Job.

 

(Bildquelle: John McColgan, United States Department of Agriculture)

Karlštejn

Karlstein

Unter dem Neuen Königlichen Palast zu Prag, tief im Herzen des Burgbergs, befindet sich eine Großküche. Mehr als sechzig Männer und Frauen bereiten hier die Festmahle für Staatsempfänge und andere Anlässe zu. Sie wird gut entlüftet und ist über breite Treppen leicht zu erreichen. Und doch fühlt man sich seltsam bedrückt, spürt den Käfig aus Fels, der einen umgibt.
Noch tiefer hinab führt nur ein enger Lift: In den Spülraum, der stets so von Dampf erfüllt ist, dass man kaum einen Meter weit sehen kann. Niemand fährt freiwillig dort hinunter. Das schmutzige Geschirr wird auf Wagen gestapelt, in den Aufzug geschoben – und irgendwann wieder sauber nach oben geschickt.
Ich brüste mich immer damit, nicht studiert und keinen Beruf gelernt zu haben. Doch seit ich hier unten stehe, sechs Tage die Woche, vom Nachmittag bis spät in die Nacht, frage ich mich, ob das ein guter Lebensentwurf war.
„Weißt du, warum keine Treppe hierher führt?“, fragt Michal auf Tschechisch. Seine Schicht ist in wenigen Minuten zu Ende und er entsprechend gut aufgelegt.
„Nein, sag es mir. Sag es mir schnell.“
„Weil das früher der Kerker war. Für die, die wirklich verschissen hatten.“
„Deshalb die gute Aura.“
„Wie lange musst du noch machen?“
„Sechs Stunden, sieben Minuten.“
„Ich bin echt froh, dass ich nicht du bin.“
„Danke, kolega. Du hast ein Herz aus Gold.“
Der Dampf ist allgegenwärtig, weicht Lunge und Haut auf. Obwohl meine Fingerkuppen so runzlig sind, als hätte ich seit Stunden geduscht, entgleitet mir hin und wieder eines der Gläser, Marke Riedel, Edition Sommeliers, gut tausend Kronen das Stück.
Michal ist gerade gegangen, da passiert es schon wieder. Ich versuche die Champagner-Flöte im Fallen zu fangen, erreiche damit jedoch nur, dass sie an einer Kante zerbricht und mir tief zwischen Mittel- und Ringfinger schneidet. Darum bemüht, kein Blut auf die anderen Gläser zu tropfen, greife ich nach dem internen Telefon.
„Kurva Piča!“, schimpft der Bereichsleiter am anderen Ende. „Das zieh ich dir vom Gehalt ab!“ – „Alles klar. Kann ich bitte trotzdem ein Pflaster kriegen?“
„Sei froh, wenn ich dich nicht sofort rausschmeiße!“
Der Aufzug spuckt den nächsten Wagen mit Schmutzgeschirr aus. Durch die Verzögerung ist der letzte nicht fertig beladen. Notdürftig verbinde ich meinen Finger mit einer soßengetränkten Serviette und versuche ohne Zuversicht aufzuholen. Schon nach wenigen Augenblicken quietscht die Lift-Tür erneut. Die Bastarde ziehen die Schlinge schneller zu als erwartet.
„Wo bist du?“, höre ich Lauras Stimme im Nebel. Sie sieht mich erst, als sie unmittelbar vor mir steht. Wortlos nimmt sie meinen völlig durchweichten Notverband ab und desinfiziert die Wunde.
„Wie ist es oben bei euch?“, frag ich.
Laura schüttelt den Kopf. Als Servicekraft hat sie es möglicherweise noch schlimmer getroffen als ich.
„War der Präsident schon da?“
„Weiß nicht. Die sehen alle gleich aus.“
Sie verklebt meine Wunde und wirft einen Blick auf die Scherben.
„Wieviel kostet so eins?“
„Etwas mehr als vier Stundenlöhne.“
„Oje. Und was machst du jetzt?“
Statt einer Antwort nehme ich noch ein Glas und lasse es fallen.
„Du bist ein Idiot.“
„Wann hast du mal wieder Ausgang?“
„Wir können nicht dauernd was unternehmen.“
Ich gebe ihr einen Kuss.
„Hör auf.“ Sie geht zum Fahrstuhl zurück. „Das geht einfach nicht.“
„Ich hab morgen frei. Dann drei Wochen nicht mehr.“
„Mein Freund kommt morgen Abend.“
„Wir treffen uns in der Frühe.“
„Es geht nicht.“
Ich bringe meine Schicht zu Ende ohne allzu viel nachzudenken. Als ich mit dem letzten Wagen nach oben fahre, treffe ich auf die Nachhut der Köche. Sie vermeiden es mich anzusehen. Keine Solidarität unter Sklaven.
In einer Seitenkammer des Wladislawsaals treffe ich auf Laura. Sie ist damit beschäftigt, ein paar Dutzend Stehtische aus ihren Hussen zu pellen.
„Soll ich dir helfen?“
„Wenn du dabei nicht redest.“
Ich fingere ratlos an einer Seidenschleife herum.
„Wie lange bleibt dein Freund?“, frag ich dann.
„Sei still.“
„Vielleicht können wir was zu dritt unternehmen. Immerhin ist er mein Milchbruder.“
„Du bist unmöglich.“ Sie muss gegen ihren Willen lachen.
In dem Moment betritt mein Bereichsleiter den Raum. „Laura?“, ruft er, dann sieht er mich.
„Wie oft soll ich’s dir noch sagen: Du hast hier oben nichts verloren!“
„Doch. Meine Würde.“
„Mach, dass du raus kommst.“
„Also wann sehen wir uns?“, frag ich Laura auf Deutsch. Der Bereichsleiter hasst das.
„Um neun. Westbahnhof. Arschloch.“
Mein Zimmer liegt auch unterirdisch, deshalb fühlt es sich am nächsten Tag merkwürdig an, ins Freie zu kommen. Laura steht schon auf dem Bahnsteig.
„Wo fahren wir hin?“, frage ich.
„Hauptsache, raus aus der Stadt.“
Wir warten, bis ein Zug kommt, in den sonst niemand einsteigt. Auf der Fahrt Richtung Süden knacke ich kleine Budweiser-Dosen. Laura trinkt Wodka pur.
„Hast du mal daran gedacht zu kündigen?“
„Jeden Tag“, sagt sie.
„Was haben wir aus unserem Leben gemacht?“
„Halt bitte den Mund.“
Ich halte den Mund. Nach einer Weile setzt Laura sich neben mich und legt ihren Kopf an meine Schulter. Der Augenblick ist perfekt. Deshalb stoppt der Zug auch in diesem Moment und ein buckliger Schaffner scheucht uns nach draußen. Wir befinden uns an einem winzigen Bahnhof mitten im Wald. Auf einer Felszunge, die zwischen uns und der Sonne steht, erhebt sich Burg Karlštejn.
Wir steigen schweigend hinauf und lassen uns vor dem Tor nieder um eine Zigarette zu rauchen. Prompt werden wir von zwei Tschechinnen angefaucht. Die Welt scheint sich an uns als Knechte gewöhnt zu haben.
„Im 14. Jahrhundert wurden hier die Reichskleinodien des Deutschen Kaisers aufbewahrt“, hören wir einen Touristenführer. „Heute können Sie natürlich nur noch die Nachbildungen bewundern.“
„Willst du sie dir anschauen?“, frag ich.
„Was soll das denn sein?“
„Na, Zepter, Reichsapfel und so. Und die Lanze, mit der sie Jesus gepiekt haben.“
„Ach, lass uns lieber hier sitzen und trinken.“
„Okay. Das kann ich am besten.“
„Deswegen mag ich dich auch.“
Sie leert den Wodka und holt eine neue Flasche hervor. Trinkt fast verzweifelt. Als sie aufsteht, um irgendwo pinkeln zu gehen, rastet sie mit der Stirn auf der Wiese ein und bleibt liegen.
„Taxi!“, rufe ich. Leider gibt es hier keine Straße. Also nehm ich sie auf die Arme und schließe mich einer der Touristengruppen an. Unter einem Volk von Säufern fällt man als Säufer nicht auf. Als wir uns den königlichen Wohnräumen nähern, seile ich mich wieder ab. Lege Laura ins Bett Karls IV.
Während sie leise zu schnarchen beginnt, trete ich ans Fenster und lasse meinen Blick über die böhmischen Wälder schweifen. Am Horizont lauert der Job, Lauras Freund, eine Armada von Fragen. Vielleicht hätte ich doch studieren sollen. Aber dann würde ich nun auf einem Campus rumhängen. In der Mensa sitzen mit einer geerdeten Freundin und Tiefkühl-Lasagne verdrücken und reden.
Dann doch lieber verzweifelt sein. Am Ende der Welt mit einer unerreichbaren Frau in den Gemächern eines Römischen Kaisers.

Unser Feld

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Na, toll. Jetzt ist es soweit. Ich bin in die Falle getappt. Hank Bukowski hat mich immer gewarnt: Politik ist eine Hure. Aber ich habe mich nun mal entschieden und gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes gestimmt.
Ich bin einfach gern da. Es ist ein magischer, schräger Ort. Und keine andere Stadt der Welt hat so etwas. Ich will weiter dorthin gehen. Und es auch gern meiner Tochter zeigen. Wenn sie aber anfangen, an den Rändern Wohnhäuser zu bauen, LUXUSWOHNHÄUSER, dauert es nicht lang und jemand beschwert sich über die Lautstärke. Dann wird der Zutritt beschränkt. Dann wird mehr gebaut. Und irgendwann darf man überhaupt nicht mehr hin.
Deshalb haben ich und 740.000 andere dagegen gestimmt. Es wurde demokratisch und rechtsgültig beschlossen, dass dort nicht gebaut werden darf. Die Bebauungsbefürworter im Senat haben keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie sich persönlich darüber ärgern, dass das Volk sich so ungustiös in das Tagesgeschehen einmischt.
Nun hat sich vieles geändert. Der enorme Flüchtlingsandrang schreit nach schnellen Lösungen. Ich bin für bedingungslose Hilfsbereitschaft. Und auch das Feld ist nicht so heilig, dass es nicht zur Unterbringung genutzt werden könnte.
Ich horche nur auf, wenn ich höre, WER diese Nutzung fordert. Unter lautem Protest der Piraten, der Grünen, ja, sogar der CDU, ist es der SPD-Stadtentwicklungssenator Geisel, der hier seine Stimme erhebt.
Stadtentwicklungssenator? Was macht so jemand, wenn gerade keine Flüchtlingskrise zu bewältigen ist? Richtig, er entwickelt. Stadt. Und bestimmt gibt er sich nicht mit Kleinkram ab. Solche Leute wollen immer Prestige-Projekte.
Deshalb erscheint es ihm auch wenig glanzvoll, irgendwelche leerstehenden Neuköllner Kaufhäuser der sinnvollen Nutzung zuzuführen, und DORT Flüchtlinge unterzubringen. Oder in einer der zahllosen anderen Möglichkeiten, die gar nicht erwähnt werden, weil die SPD sich weigert, ein Gutachten darüber erstellen zu lassen.
Nein, er möchte die Flüchtlinge auf den Rändern des Feldes unterbringen. Auf jenen Streifen, auf denen sie 2014 ihre Luxus-Schinken hochziehen wollten. Brachflächen ohne Kanalisation, ohne Stromleitungen. Die nicht einmal betoniert sind. Und dafür verseucht mit Weltkriegsmunition. Natürlich will er das. Weil auf die Art ganz nebenbei das Gebiet erschlossen wird. Für zukünftige Projekte.
Weil Männer wie Geisel nicht an die Flüchtlinge denken. Sondern nur an ihre eigentliche Aufgabe. Und weil es ihnen nicht zynisch vorkommt, das schlimmste Elend für ihre Zwecke zu nutzen.
„Wir diskutieren nicht die Abschaffung, sondern die Ergänzung des Tempelhofgesetzes.“
Das könnte man auch zu jemandem sagen, der ohne Grund, ohne Gerichtsverhandlung eingesperrt wird: Das ist keine Abschaffung deines Grundrechtes. Sondern eine Ergänzung.
Ich brauch jetzt erstmal was zu trinken. Scheiß-Politik. Aber wenn ich solche grinsenden Opportunisten höre, reißt mir immer die Hutschnur. Vor allem, wenn sie derweil mehr und mehr Waffen exportieren. Und damit die arabische Halbinsel so verheeren, dass unsere Brüder und Schwestern nie mehr in ihre Heimat zurückkehren können.

Zu spleenig zum Leben

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„Ich hasse Berlin“, sagt Lili und macht einen trunkenen Ausfallschritt, um nicht gegen das Straßenschild zu laufen.
„Ich hasse Mitte und Prenzlberg und die U-Bahn und die ganzen Scheißleute hier, ja, EUCH MEINE ICH, ihr seid doch scheiße..“ Ich nicke und ziehe sie beim Gehen ein bisschen zu mir. „Und dich-… Dich hasse ich ganz besonders.“
„Du kannst doch Berlin nicht hassen“, sag ich.
„Doch, kann ich. Berlin ist scheiße. Und du auch.“
„Ach, ich weiß nicht. Als ich neulich von der Ostsee zurück gekommen bin, da lief nur Mist im Radio. Egal, welchen Sender ich eingestellt hab. Und dann kamen wir in den Sendebereich von Radio Eins und sie haben Jefferson Airplanes White Rabbit gespielt. Da wusste ich, dass ich nach Hause komme.“
„Ach, leck mich!“ Lili bleibt stehen und fixiert mich mit trüben Augen. „Wieso bist du denn so scheiß-NÜCHTERN?“, schreit sie.
„Ich hab mehr getrunken als du.“
Ein Typ im Rollstuhl schiebt sich zwischen uns. Er hat verfilzte Haare und keine Beine und nur drei Finger an der linken Hand, mit denen er geschickt einige Münzen jongliert. Er kommt mit einem Reifen auf meinem Fuß zum Stehen.
„Habt ihr mal’n Euro?“
„Nein“, sag ich und zieh sein Gefährt da weg, das hab ich beim Zivi gelernt.
„Dann gib mir fünfzig Cent.“
„Ich hab nix. Sogar mein Koksgeld is für die Miete draufgegangen.“ Lili ist derweil schon einen Block weiter. „Hör mal, ich muss jetzt los. Bis dann.“
„Ja, geh nur! Lass mich hier verrecken, du beschissener Yuppie“, kreischt er. Ich schaue nicht zurück. „Du Künstlerwichser! SCHWABENSAU!“
Wir setzen uns vor ein Straßencafé. Es dauert keine drei Sekunden, dann steht ein Mensch neben uns, schmächtig, gepierct: „Schönen, guten Tag, entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin der Matze und verkaufe die MOTZ. Ich weiß, Sie sind heute wahrscheinlich schon mehrmals angeschnorrt worden, bestimmt haben Sie gerade Feierabend und wollten in Ruhe ein Bier trinken…“ Statt uns hart arbeitendem Volk dabei in die Augen zu schauen, fixiert er seinen Hund, der den Blick des Herrchens treu erwidert. „Eine kleine Spende, oder was zu Essen für mich und den Thälmann, gell Thälmann? Vielleicht ein Brot, oder einen Apfel oder eine Banane oder einen Pfirsich.“
Ich denke die ganze Zeit, dass ich mir keine Piercings leisten würde, wenn ich arm wäre. Und ich finde, dass das eine kluge Feststellung ist, wenn auch nicht sehr sympathisch. Ich lasse zwei Euro springen.
„Bist du bescheuert?“, fragt Lili zurecht. „Dafür hätten wir noch mehr Wein kaufen können.“
Mein Blick wandert zu einem Typen, der mitten auf der Eberswalder Kreuzung steht. Er balanciert eine Dose Bier auf dem Kopf und tut so, als würde er den Verkehr regeln.
„Was macht der denn da?“, fragt Lili.
„Er besitzt die Hellsicht der Heiligen der Antike.“
„Und warum liebst du mich nicht?“
„Wir brauchen noch mehr zu trinken.“
Wieder nähert sich jemand. Es ist nicht der Kellner.
„Sehr geehrte Damen und Herren“, beginnt er und Lili verdreht die Augen. „Ich möchte ein Gedicht vortragen und wenn es Ihnen gefällt, würde ich mich über eine Spende freuen. DIE EINTAGSFLIEGE: Die Eintagsfliege, lieber Freund…-“ Und Lili sagt: „Halt doch die Schnauze.“
„Sei nicht so hart.“
„Ich kann den Dreck nicht mehr hören.“
„Ja, hast ja recht.“
Trotzdem gibt sie ihm ihre Münzen, als er an uns vorbei schleicht.
Und ich denk mir, Lili ist schon in Ordnung, auch wenn sie einen Hau hat. Aber den haben ja alle. Der rachsüchtige Rollstuhlfahrer und die Drücker von MOTZ und Straßenfeger, die Eintagsfliege, der Typ mit der Dose am Kopf. Und die vielleicht noch am wenigsten. So sind wir eben, in Berlin und überall, Gott sei dank, oder auch nicht: Zu spleenig zum Leben. Zu schade zum Sterben.