Spiel mir das Lied vom Tod

Kann hier ma eener kommen, der Pfandautomat klemmt!“
Ja, sofort! Conny, kannst du mal Durchsage machen?“
Nee, hier hat grade eener wat fallen lassen. Frag ma Ingrid. Und die soll’n Kehrbesen mitbringen!”
Konne Sie wechsel fur Einkaufswage?“
Gleich, junger Mann, ja? Wenn die Kasse auf is, ja? Nein, Margit, nur den Besen, dit Blech brauch ick nich!“
An den drei geöffneten Kassen ist kaum etwas los, doch das hektische Gefiepe der Verkäuferinnen scheint ein morphisches Feld zu erzeugen, das den ganzen Markt in seinen Bann zieht. Einkaufswägen werden mir in die Hacken geschoben, man rempelt mich von mehreren Seiten. Als ich mich wieder der Kasse nähere, liegt schmieriger Angstschweiß auf meinem Nacken.
Hat Margit dir jetzt das Kehrblech gebracht?“
Nee, dit Blech brauch ick nich, nur den Besen. Junger Mann, könnten Sie bitte das Schild hinter sich aufs Band stellen? Haben Sie vielleicht einen Euro siebzehn klein? Nein? Gar nüscht? Ingrid, hast du Fünfer für mich?“
Ja, hab ich. Margit, kannst du Conny mal die Fünfer rüber geben? Jetzt haste ja doch das Blech mitgebracht.“
Ich dachte, ich soll nur das Blech mitbringen.“
Nee, nur den Besen. Junger Mann, hier bitte niemand mehr an der Kasse.“
Der Pfandautomat klemmt schon wieder!“

Fortsetzung folgt am 1. Juli 2015 bei den Surfpoeten. Mauersegler, ab 21.00 Uhr

Laichzeit

Unbenannt

Haneu war eine Geisterstadt. Erbaut für die Arbeiterheere aus Buna und Leuna, die vor Jahren schon weiter gezogen waren, lag sie sterbend im Niemandsland, konserviert in Beton.
„Haneu ist ein Ort, in dem die Vergangenheit noch sehr, sehr stark wirkt“, sagte der Regisseur und ließ seinen Blick über die Gesichter der Anwesenden gleiten.
„Ein blauer Ort. Ein grün-blauer Ort. Wir müssen versuchen, ihn in seiner merkwürdigen, poetischen Kühle einzufangen.“
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie der Kameramann die Worte grün und blau auf seinen jungfräulichen Notizblock kritzelte.
„Bevor wir gleich die Motive besichtigen, möchte ich, dass ihr kurz in euch geht und eure Sehnsucht mobilisiert, die Sehnsucht nach Liebe. Denn darum geht es in Laichzeit.“
Ich wäre der Aufforderung gerne gefolgt, doch musste meine Sehnsucht nicht erst geweckt werden. Im Gegensatz zur Filmcrew, die an diesem Morgen angereist war, verbrachte ich schon die siebte Woche im Herzen der Schlafstadt. Der Fahrstuhl des Plattenbaus, in dem meine Unterkunft lag, hielt ausschließlich im dritten, sechsten und zehnten Stock. Dadurch wurden nur noch diese Etagen bewohnt. Alle anderen Stockwerke waren verlassen, zum Teil schon entkernt, beherbergten nicht mehr als Ratten und Wind.
Billy, der Hauptdarsteller, erhob sich als erster. Er war klein, halb Glamrock, halb Punk, und auch er musste die Sehnsucht nicht mehr beschwören: Seit seiner Kindheit lebte er hier. Keiner der Berliner beachtete ihn, denn der Regisseur hatte bisher versäumt ihn vorzustellen.
„Finden wir überhaupt zu den locations?“, fragte die Produktionsleiterin. „Es ist doch gar niemand von der Ausstattung da.“
„Hört, hört“, sagte jemand. „Als ob das eine Neuigkeit wäre.“ Mancher Mundwinkel wurde mit Häme nach oben gezogen.
Ich räusperte mich: „Die anderen kommen leider nicht von der Baustelle weg. Aber ich hätte Zeit, euch herumzuführen.“
Beim Rundgang wurde wenig gesprochen. Die Berliner versuchten gar nicht erst, ihren Ekel vor der Stadt der Arbeitslosen und Alkoholiker zu verbergen. Das tat mir leid und ich hätte gerne etwas getan, damit sie sich wohler fühlten.
„Die Menschen hier sind ganz und gar durchdrungen von der Geometrie dieses Ortes.“ Der Blick des Regisseurs war nach innen gekehrt, als lausche er auf eine Stimme, die ihm die Worte eingab. „Sie sind zu Asphalt erstarrt, ihre Wünsche zu Asbest geronnen.“
Die Kostümfrau schaute zum Materialassistenten, beide verdrehten die Augen. Ein Einheimischer näherte sich und fragte, ob wir die Filmleute seien, von denen in seiner Kneipe geredet wurde. Der Regisseur suchte eilig das Weite.
Als wir den letzten Drehort besuchten, der im Film das Büro eines Gebrauchtwagenhändlers darstellen würde, sah ich, wie der Kameramann das eigens angefertigte und bereits in einiger Höhe befestigte Firmenschild inspizierte und sich kurz darauf dem Regisseur näherte. Ich wurde heran gewunken.
„Können wir das Schild auch in grün und blau machen?“
„Natürlich“, antwortete ich.
„Wieso ist es eigentlich rot?“
„So habt ihr es euch in der letzten Besprechung gewünscht.“
„Ja… Aber grün-blau wäre schon besser.“
„Pastellig“, raunte der Kameramann.
„Ein pastelliges Grün-Blau.“
Während die beiden verträumt auf das Schild blickten, notierte ich ihren Wunsch und hoffte bald wieder zu meinen Kollegen stoßen zu können. In wenigen Tagen sollte der Dreh beginnen und es gab noch etliche Motive fertig zu stellen. In dem Moment verschaffte sich die Produktionsleiterin Gehör in der Gruppe.
„Bevor wir für heute Feierabend machen, habe ich eine gute Nachricht für euch: Der MDR ist endlich offiziell eingestiegen, wodurch wir die Förderung vom BKM kriegen. Damit fehlt zwar immer noch ein großer Teil des Budgets, aber wir sind dem Ziel ein Stück näher gekommen.“
Ich und einige andere klatschten Applaus.
„Und jetzt will unser Maestro noch ein Wort an euch richten.“
Der Regisseur trat vor, im Schlepptau den kleinen Billy.
„Bestimmt hat sich mancher von euch gefragt, wer unser Rotschopf hier ist“, begann er väterlich und lachte als einziger. „Billy ist das Herz unseres Films. Mit ihm hat alles begonnen.“
Billy wirkte nervös, er schien es nicht gewohnt zu sein, derart im Mittelpunkt zu stehen.
Laichzeit ist seine Geschichte. Sie hat unseren Autor zu einem wundervollen Drehbuch inspiriert. Und sie inspiriert mich jede Stunde aufs Neue. Lasst auch ihr euch entführen.“
Je nach Gemüt schenkten die Anwesenden Billy ein Lächeln oder sezierten ihn aus der Distanz.
„Gute Nacht, meine Lieben. Und denkt immer daran: Laichzeit ist kein Film über Billy. Laichzeit IST Billy.“
Spät nachts tapezierte ich im Schein einiger Kerzen die Wände einer verlassenen Kita. Den Rest des Tages hatte ich dafür benötigt, ein kostenloses, grün-blaues Schild aufzutreiben. Laichzeit war ein Low-Budget-Projekt. Im näheren Umkreis der Kita gab es nur Abbruchhäuser und ich werkte in völliger Stille. Als ich irgendwann ein Geräusch hörte, dachte ich deshalb, es wäre eine Ratte oder ein Spiel meiner Nerven. Doch dann linste Billy durch eine der Türen, schlenderte eine zeitlang durchs Zimmer und setzte sich schließlich, einen leisen Seufzer ausstoßend.
„Ich bin ein Cowboy“, eröffnete ich ihm
„Dass du ein Cowboy bist, weiß ich“, sagte er. „Ich glaube, ich bin auch ein Cowboy.“
Wir schwiegen in unserem Einverständnis.
„Bist du traurig?“, fragte ich dann.
„Nein, nein. Ich hab nur Angst, glaub ich.“
„Magst du’s nicht, wenn alle dich anschauen?“
„Doch, eigentlich schon. Ich weiß nur nicht, ob ich so gut bin, wie alle erwarten.“
Ich drückte eine neue Bahn Blumentapete an die vernarbte Betonwand.
„Und der MDR will, dass meine Mutter im Film eine Alkoholikerin ist. Und eine zweideutige Szene zwischen uns soll es auch geben.“
„Aber das wird unser Autor doch niemals zulassen!“ Ich war ehrlich empört.
„Doch“, sagte Billy. „Er hat es schon umgeschrieben.“
Die nächsten drei Bahnen kriegte ich nicht so gut hin.
„Was machst du überhaupt hier?“, fragte ich, als er sich wieder zum Gehen wandte.
„Ach, nichts. Ich laufe nachts oft durch die Häuser.“
Am Morgen wurde ich früh aus dem Bett geklingelt. Der Regieassistent, der immer so wirkte, als wäre er sauer, beorderte mich zu Billys Versteck, einer Garage, die ihm im Film als Rückzugsort diente.
„Gut, dass du kommst“, sagte der Regisseur, während er mir entgegen kam. „Wie war dein freier Abend?“
„Ähm… Schön.“
„Habt ihr das grün-blaue Schild schon bestellt?“
„Ja.“
„Ach so, hm… Blau passt leider gar nicht mehr. Kannst du es auch in Flieder besorgen?“
„Natürlich.“
„Pastellig!“, rief der Kameramann aus der Garage.
„Einfach so’ne Art pastelliges Flieder. Und sag mal, wie weit seid ihr denn in der Kita?“
„Eigentlich fertig.“
„Ja, wirklich? Die ist nämlich leider gestrichen. Der MDR will, dass die Begegnung unter einer Brücke stattfindet.“
„Okay. Und was ist mit der Garage?“
„Das muss hier alles mehr Billy sein“, sagte der Kameramann. „Ich hab noch kein richtiges feeling.“
Der Regisseur richtete seine ganze Aura auf mich.
„Verstehst du“, sagte er. „Der Film steht und fällt mit diesem feeling. Jedes Molekül Zelluloid muss von Billy durchtränkt sein.“
„Gut. Was habt ihr euch vorgestellt?“
„Weiß nicht. Vielleicht hängst du noch ein paar Fotos von ihm auf.“
„Und Parolen“, rief der Kameramann.
„Ja, du könntest noch so Punk-Parolen an die Wände hauen.“
„Tote Fische schwimmen mit dem Strom?“
„Ja, genau! Wow! Das passt dann auch super zu Laichzeit!“
Ich ging lustig ans Werk. Dabei dachte ich viel an Billy. Sicher hatte er furchtbare Angst zu versagen. Es bereitete mir außerdem Sorgen, dass der Produktion immer noch soviel Geld fehlte. Gern hätte ich hierbei geholfen. Doch wie sich am Abend zeigte, war das Problem schon gelöst.
„Freunde, beruhigt euch!“, rief die Produktionsleiterin. Ihre Wangen leuchteten rot. „Gefeiert wird später! Also, wie ihr alle wisst, ist heute der SWR mit eingestiegen. Damit sind wir saniert. Es wird ein paar kleine Änderungen am Drehbuch geben, aber das erzählt euch besser jemand, der Ahnung von sowas hat.“
Die Stimmung wurde immer ausgelassener, als der Regisseur mit einem mir Unbekannten nach vorn trat.
„Meine Lieben!“, rief er und hob in überbordendem Glück seine Hände zum Himmel. „Unser Film ist gerettet. Lasst mich euch jemanden vorstellen: Er ist Redakteur beim SWR und wird uns ab jetzt ein bisschen über die Schulter schauen, nicht wahr?“
Der Redakteur verbeugte sich und zeigte dabei ein Lächeln, dessen Wärme zur letzten Ruhe einlud.
„Viele von euch haben sicher gehört, dass Haneu als Ort ein wenig in den Hintergrund treten wird. Damit schaffen wir eine Allgemeingültigkeit, die es uns erlaubt, Milosz noch mehr ins Zentrum zu rücken. Denn Laichzeit ist kein Film über Milosz. Laichzeit IST Milosz.“
„Milosz? Wer ist Milosz?“, flüsterte ich. „Was ist denn mit Billy?“
„Wer ist Billy?“, fragte mein Nachbar.
„Der SWR will einen professionellen Schauspieler“, erklärte die Kostümbildnerin. Der Applaus wurde noch einmal lauter, als der Redakteur sich zu Wort meldete:
„Danke, danke. Im Grunde habe ich dem Maestro nichts mehr hinzuzufügen. Wir sind im Begriff, ein Kleinod der Filmkunst zu schaffen, ein Stück Gegenkultur, ein Musterbeispiel für die Lebensgier der Jugend. Einer Jugend, die sagt: Hey! Hier sind wir! Schaut uns an! Wir lassen uns von euch nicht verbiegen.“
Die Blicke der Umstehenden wurden glasig vor Rührung, teilweise kämpferisch. Der Augenblick war vollkommen. Und ich beschloss, in Zukunft nicht mehr mit Filmstudenten zu arbeiten.

Niederknien vor Koks und Nutten

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Clint Lukas ist Schriftsteller und liest seit einigen Jahren jeden Mittwoch bei den Surfpoeten seine Geschichten vor. Schon viel länger schlägt sein Herz jedoch fürs Filmemachen.

NIEDERKNIEN VOR KOKS UND NUTTEN soll ein Abend werden, der sich diesem Drang widmet. 

Clint Lukas liest und erzählt von chaotischen Filmdrehs, spleenigen Schauspielern, mondänen Premieren. Er zeigt seinen bislang unveröffentlichten Kurzfilm HEINZ und wendet sich dann dem Meilenstein seiner Karriere zu: KOKS UND NUTTEN, ein Film, für den Clint über Leichen gehen musste – nicht zuletzt seine eigene.
 
PREVIEW: 9. Mai (Z-Bar, 20.30Uhr, Eintritt 4,- Euro)
PREMIERE: 10. Mai (Mauersegler, 20.00 Uhr, Eintritt 4,- Euro)